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Der Transit und die Berufskraftfahrer
Vom König zum Sklaven der Landstraße
Einleitung.
Der Ordnung halber sei erwähnt, dass in diesem Beitrag keine Namen genannt
werden. Weil Fernfahrer unter großem Druck bis hin zum Verlust ihres
Arbeitsplatzes stehen, wenn sie öffentlich über ihre heutigen Berufsprobleme
reden. Dieses Faktum allein – allen Insidern seit Jahren bekannt – muss Anlass
sein, nachzudenken. Wo bleibt die Fairness der Transportunternehmer ihren
Mitarbeitern gegenüber? Wo bleibt das Recht auf freie Meinungsäußerung – ein
elementares Grundrecht jeder funktionierenden Demokratie (vgl. Artikel 10
Europäische Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten)?
Just-in-time.
Just-in-time lautet das moderne Schlagwort der Transportwirtschaft. Um provokant
zu formulieren: Sie bestellen heute, wir liefern gestern - Sie haben keinen Tag
Lagerkosten in Ihrem Betrieb. Nun, ganz so weit ist es noch nicht und wird es
auch nicht kommen, weil sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Aber ganz knapp
davor stehen wir heute.
Just-in-time - Für Sie unterwegs, steht auf den Planen der 40-Tonner. Altpapier
aus Amerika über Rotterdam durch Holland, Deutschland, Österreich und Italien
nach Genua. Wo es wieder verschifft wird. Sie sind nicht für uns unterwegs, sie
fahren an uns vorbei. Das ist der entscheidende Punkt.
Just-in-time - täglich frisch auf den Obstmarkt. In der Nacht und den frühen
Morgenstunden die Anlieferung. Oft aus über hunderte Kilometer entfernten
Lagerhäusern. Wo die angebliche Frischware wochen- und monatelang künstlich
frisch gehalten werden muss. Das Lager ist die von der Allgemeinheit bezahlte
Straße - der Fernfahrer ist der von der Uhr und seinem Disponenten unerbittlich
gejagte Transporteur.
Just-in-time - Schrott aus Westdeutschland nach Italien und als billiger
Baustahl wieder zurück. Wozu die Eile, beim Schrott und billigem Baustahl,
fragen sich die Anrainer und die Fernfahrer. Während neben der Autobahn leere
Güterwaggons der Eisenbahn über den Brenner und zurück gezogen werden.
Just-in-time - werden italienische Pkw aus Italien nach Bayern gefahren, einen
Tag angemeldet und dann wieder als deutsche Pkw nach Triest oder Genua
geliefert. Denn die Araber wollen eben deutsche Fahrzeuge, sagt man uns.
Interessant auch die Tatsache, dass diese nun deutschen Pkw billiger geworden
sind.
Just-in-time - wird Milch aus Deutschland nach Athen gekarrt. Steht doch dort
eine wunderschöne Edelstahl Joghurt Fabrik. Finanziert natürlich aus dem
unerschöpflichen EU-Strukturfonds. Niemand hat bei Einreichung des Projektes
danach gefragt, ob die Griechen denn tatsächlich auch die notwendige Milch für
die Produktion von Joghurt haben, das dann wieder quer durch die Alpen
zurückgekarrt wird.
Just-in-time - der echte Südtiroler Speck. Beim Urlaub in Südtirol fielen dem
Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel von der Gesamthochschule Kassel viele
Lastwagen mit ausländischen Kennzeichen auf, die eine dortige Wurstfabrik
ansteuerten. Sie lieferten belgische Schweinehälften, so recherchierte er, die
nach weiter Reise in den Alpen veredelt und anschließend ahnungslosen
Supermarkt-Kunden in Deutschland als Südtiroler Speck angedreht wurden.
Natürlich kann der Süd- oder Nordtiroler Bauer mit seinen natürlichen
Produktionsmethoden beim Preis nicht mithalten – billiger sind nun einmal hoch
subventionierte Schweine aus Massenindustriebetrieben.
Just-in-time - werden Rinder und Schweine nach Neapel und Genua gekarrt. Zum
einen hat man ebenfalls aus dem EU-Strukturfonds moderne Schlachthöfe
finanziert. Es war nicht wichtig, danach zu fragen, ob denn auch Schlachtvieh
vorhanden sei, um die riesigen Kapazitäten auszuschöpfen. Karrt man halt das
Fleisch wieder zurück - nach Belgien, Holland, Deutschland oder Dänemark. Zum
anderen müssen die Tiere, sagt der EU-Kommissar, lebend nach Afrika verschifft
werden. Denn die Afrikaner haben eigene Schlachtrituale und wollen das
Industrievieh selbst umbringen. Ja, und auch die Kälber - die ganz jungen aus
der Überproduktion - müssen schließlich auch noch irgendwohin gekarrt werden.
Zum Töten oder Abschlachten, damit die Preise der Industriezüchter nicht
verfallen. Damit es nicht umsonst ist, stützt man das noch mit der
Herodes-Prämie. Früher, hat mir ein Fernfahrer erzählt, ist ihm regelmäßig
schlecht geworden - beim Laden und Abladen. Vom Geschrei der Tiere, von der
Brutalität, mit der man mit diesen Tieren umgeht. Er hat sich dann arrangiert
und immer genug Magenbitter an Bord gehabt - im Kaufhof gleich die großen 50-er
Packungen erstanden und bei jeder Gelegenheit schnell einen gekippt. Heute
braucht er es nicht mehr so sehr, er sei schon so abgestumpft und ausgelaugt,
dass ihm das alles egal sei. Er hat mir leid getan, im Wienerwald an der A 12
Inntalautobahn in Weer, denn seine Augen sind doch nass geworden. Allerdings,
hat er gemeint, was soll ich noch mit meinen 39 Jahren? Ich muss fahren, bis ich
herunterfalle - ich bin zu alt zum Aussteigen und die Familie ist ohnehin längst
kaputt. Meine Frau und meine Kinder sehe ich an den Wochenenden, wo ich zum
Ausschlafen nach Hause komme. Wenn ich Glück habe. Wenn ich irgendwo
hängenbleibe, verbringe ich das Wochenende in meiner Koje und mit meinen
Kollegen in irgendeiner Raststätte. Das Telefon ist die einzige Verbindung, die
mir dann bleibt. Was soll ich mehr dazu sagen, hat er gemeint?
Nun, diese Beispiele könnte man beliebig erweitern und ergänzen. Von den Semmeln
erzählen, die als gefrorene Teigkugeln von München nach Wien und dann nach
Innsbruck in die Industrieöfen zum Backen gekarrt werden – auf der Straße. Über
bleibt die 1000-km Semmel. Oder die Vernichtung von Obst und Gemüse, die allein
im vergangenen Jahr die europäischen Steuerzahler ATS 7 Milliarden gekostet hat,
wie der Europäische Rechnungshof vor kurzem (1998) festgestellt hat. Oder die
Fische aus der Nordsee, die in den griechischen Lokalen als Landesspezialitäten
angeboten werden usw..
Arbeitsteiligkeit – heisst das moderne Schlagwort dazu. Es wäre doch geradezu
desaströs, hat ein hoher Kommissionsbeamter gemeint, wenn die Menschen nur mehr
Regionalprodukte auf den Tisch bekommen würden. Desaströs ist wohl etwas ganz
anderes, was dieser Beamte nie verstehen wird: Ein System, das nur funktionieren
kann, wenn Steuergelder abgezockt und Fernfahrer als Sklaven gehalten werden.
Das ist der Punkt. Wenn die Kosten, die diese Arbeitsteiligkeit verursacht,
nicht von den Industriebetrieben, sondern von den Klein- und Mittelbetrieben und
ihren Mitarbeitern erwirtschaftet und bezahlt werden müssen.
Arbeitsteiligkeit und Warenaustausch hat es immer schon gegeben und soll und
wird es immer geben. Die Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen
festzulegen, dass nicht ein paar wenige im Hintergrund agierende
Aktienspekulanten wirtschaftlich vernünftige Kreisläufe dadurch außer Kraft
setzen, indem sie ihre Betriebskosten auf die Allgemeinheit überwälzen. Nicht
umsonst haben drei EU-Kommissare – Mario Monti, Anita Gradin und Errkki Likkanen
– schon vor drei Jahren festgestellt, dass die „internationalen Transitrouten
die betrugsanfälligsten Bereiche der Union sind“. Auch die Fernfahrer werden –
wird nicht gegengesteuert – in diesem System unter die (eigenen!) Räder kommen.
Das große Geld?
Immer wieder wird erzählt, wie leicht und wie viel Geld mit dem Fernfahren
verdient wird. Hinter den Kulissen schaut es dann doch anders aus. Wird doch ein
erheblicher Teil des Monatseinkommens nicht versteuert; wird
sozialversicherungspflichtig nicht erfasst. Spesen, Diäten usw. sind zwar schön
- fehlen aber dann in der Pensionsbemessung. Der Fernfahrer von heute wird zum
Sozialfall von morgen.
Am Beispiel Gefahrgutlenker und Professionisten (Der neue Kollektivvertrag für
Arbeiter aus der Fachgruppe für das Güterbeförderungsgewerbe, wirksam vom 1.
Juni 1999 bis 29. Februar 2000, 4. Kategorie: Gefahrgutlenker und
Professionisten): Stundenlohn brutto für einen Mitarbeiter ab 20 (!)
Dienstjahren ATS 92,20 (Euro 6,70). Bei 200 Monatsstunden macht das einen
versicherungspflichtigen Bruttolohn von ATS 18.440,00 (Euro 1.340,09). Natürlich
wurden auch die Tagesdiäten von ATS 288,00 (Euro 20,93) auf ATS 300,00 (Euro
21,80) erhöht.
Ein Mehrbetrag von täglich ATS 12,00 (Euro 0,87). Dafür bekommt man bei unseren
modernen Halte- oder Tränkstellen (Autobahnraststätten) vielleicht ein kleines
Packerl Kaugummi. Das ist die bittere Realität. Dafür mit 20 t Gefahrgut einen
ganzen Tag unterwegs - ständig unter dem Druck der PC-Logistiker; ständig unter
dem Druck, alle Gefahrgutauflagen zu erfüllen; ständig unter dem Druck, im
erhöhten Verkehrsaufkommen die eigene wie die Sicherheit der anderen
Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden. Natürlich gibt es dankenswerterweise noch
ein paar Transportunternehmer, die freiwillig ein paar Schillinge über dem
Kollektivvertrag bezahlen. Das ändert jedoch nichts daran, dass
Berufskraftfahrer heute bei den Sozialversicherungen mit einem Schnitt von rund
ATS 18.000,00 (Euro 1.308,11) beitragspflichtig gemeldet sind. Davon wird
irgendwann einmal die Rente oder Pension errechnet - unschwer zu errechnen, dass
die Berufskraftfahrer von heute die Sozialfälle von morgen sind.
Die Erholungs- oder Ruhezeiten.
Die EU-Sozialvorschriften verlangen eine tägliche ununterbrochene Ruhezeit von
mindestens 10 Stunden; mit flexiblen Regelungen jedenfalls mindestens 8 Stunden
zwischen zwei Tageslenkzeiten. Allein an der Brennerstrecke wurden in den
vergangenen Jahren immer wieder Lenker aus dem Verkehr gezogen, die 20, 30, 40
und sogar mehr Stunden ununterbrochen unterwegs waren. Das ist die Realität.
Dabei muss angemerkt werden, dass an der Brennerstrecke im Vergleich zu anderen
Strecken unter dem ständigen Druck der Bevölkerung sicher mehr kontrolliert und
überwacht wird. Man stelle sich aber bloß einmal persönlich vor, mit einem Pkw
30 Stunden ununterbrochen am Limit unterwegs zu sein - bei den heutigen
Verkehrsaufkommen. Denn der Lenker eines 40-Tonners hat mit seinem
Terminvorgaben kaum Möglichkeiten, sich auszuruhen. Dauernd gehetzt, ständig mit
GPS überprüfbar. Auf Knopfdruck ist heute jede gut ausgerüstete Spedition oder
jeder größere Transportunternehmer in der Lage, den Standort des Lkw in
Sekundenschnelle europaweit zu ermitteln – Überwachung rund um die Uhr. Das
führt in der Praxis soweit, dass Lkw-Lenker bereits die Exekutive anrufen und
bitten, sie wegen Lenkzeitüberschreitung aus dem Verkehr zu holen. Damit sie
dann im Betrieb ein offizielles "Alibi" vorweisen können, warum sie ihren
Rechtsanspruch auf die notwendige Ruhezeit wahrnehmen mussten. Denn die
Alternative sind nur mehr Aufputschmittel und Alkohol, um diesen gnadenlosen
Druck auszuhalten. Mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind: Täglich mit
einem Fuß im Kriminal, mit einem Fuß unterwegs in Richtung Existenzverlust. Da
nützt es nicht viel, wenn in den Betrieben die gesetzlichen Bestimmungen
pflichtgemäß ausgehängt werden - für die Kontrolle durch den Arbeitsinspektor.
Angesichts der Belastungen und der Verantwortung, die diese Berufsgruppe täglich
zu tragen hat, ist es ein Gebot der Stunde, für faire Entlohnung und faire
Arbeits- und Ruhebestimmungen zu sorgen. Es ist ebenso ein Gebot, um die
Verkehrssicherheit auf den Straßen zu erhöhen.
Es ist allen Insidern bekannt, dass sich Unfälle mit beteiligten Lkw-Lenkern
häufen, dass immer wieder stark alkoholisierte Lkw-Lenker aus dem Verkehr
gezogen werden und dass sich die Situation dieser Berufsgruppe immer mehr
verschlechtert. Anzugreifen ist das System im Hintergrund, das solche
Auswirkungen, wie in diesem Beitrag geschildert, ermöglicht. Es wäre zu einfach
und menschlich falsch, diese Berufsgruppe an den Pranger zu stellen. Wenn aus
"Königen der Landstraße" im Laufe der Zeit "Sklaven der Landstraße" werden, ist
der Hebel dort anzusetzen, wo dieses moderne Sklaventum entsteht. In den
Vorstandsetagen der Industrie, die ihre Profite unter anderem auf dem Rücken der
Lkw-Lenker in die Höhe treibt. Und in der Politik - denn die hat für
Rahmenbedingungen zu sorgen, in der der Mensch mit seinem Schicksal im
Mittelpunkt steht. Sonst geht dieser Irrsinn weiter; die Industrie wird dieses
System weiter exzessiv betreiben - legitimerweise wegen der fehlenden
politischen Rahmenbedingungen - und die Fernfahrer werden noch mehr unter die
Räder kommen. Unter die eigenen, sei angemerkt.
Harmonisierung der Sonn- und Feiertagsfahrverbote.
Aktuell muss auch auf die laufenden Bestrebungen der EU-Kommission eingegangen
werden, die tatsächlich versucht, nun auch noch die Sonn- und Feiertage für den
Schwerverkehr zu öffnen. Im Schreiben des Transitforums vom 7. Oktober 1999 an
den finnischen Ratspräsidenten Paavo Lipponen, unterzeichnet u. a. von den
Bischöfen Maximilian Aichern (Linz) und Alois Kothgasser (Innsbruck), haben wir
formuliert: "Der Vorschlag nimmt keine Rücksicht auf die Berufskraftfahrer, die
bei ehrlicher Betrachtung längst zu Sklaven der Landstraße degradiert wurden.
Die keine Chance mehr auf auch nur bescheidenes Familienleben mehr hätten; die
immer mehr unter physischen und psychischen Druck geraten würden. Auch diese
Berufsgruppe verdient Beachtung, verdient Respekt, Rücksicht und Menschlichkeit.
Wir, die Erstunterzeichner dieses Schreibens an Sie, sehr geehrter Herr
Ratsvorsitzender, sind tief betroffen über die Mißachtung der gesellschafts- und
kulturpolitischen Folgewirkungen dieses Vorschlages. Wo soll dieses Europa hin -
wenn Sonn- und Feiertage keinen Wert mehr haben, wenn Familien auseinander
gerissen werden und wenn Mensch und Natur unter die Räder kommen?"
Diese Harmonisierung ist also aus Sicht der Berufskraftfahrer strikt abzulehnen
- die Politik hat hier ganz einfach die natürlichen Grenzen der menschlichen
Belastbarkeit zu respektieren.
EU-Osterweiterung.
Gedankenlos zieht die politische Karawane weiter - getrieben von den
Industrielobbyisten, die nur auf Kurs ihrer Aktien sehen. Diese Aktienkurse
steigen dann, wenn Menschen aus dem Arbeitsprozess geworfen werden oder im Fall
der Berufskraftfahrer, wenn diese Berufsgruppe immer "billiger" wird.
Unter den Lkw-Fahrern selbst herrscht bereits heute eine strenge
Dreiklassengesellschaft. Oben sind die westeuropäischen Fahrer, dann kommen die
Polen und ganz unten im sozialen Gefüge die Russen und Ukrainer. Und diese
Fahrer aus dem Ostblock drängen mit Dumpingpreisen auf den Markt, die um rund
die Hälfte bis zu zwei Dritteln unter den eingangs geschilderten Bruttolöhnen
bspw. der österreichischen Fahrer liegen. Natürlich wird mit allen Tricks
gearbeitet: Westfirmen lagern den gesamten Fuhrpark und die Logistik aus und
schreien lauthals nach immer mehr bilateralen Kontingenten. Wenn sie die dann
bekommen haben, steht der Ostinvasion mit Billigfahrern und alten Fahrzeugen
nichts mehr im Weg. Sie brauchen weder Arbeitsbewilligung, noch sonst etwas.
Viele von ihnen können nicht einmal die Frachtpapiere lesen und wissen daher
nicht, was sie überhaupt befördern. Wenn nun die heute bestehenden juristischen
Sperren fallen, ohne die Rahmenbedingungen der Berufskraftfahrer an europäische
Mindeststandards anzugleichen, wird ein Run auf die europäischen Straßennetze
einsetzen: Ganze Lkw-Flotten aus den Beitrittskandidaten stehen startklar.
Es ist daher ohne Zweifel zu behaupten, dass hier schon heute in den
Beitrittsverhandlungen mit diesen Kandidaten auch diese Problematik zu behandeln
ist. Im Interesse der westeuropäischen Berufskraftfahrer einerseits wie auch im
Interesse gerade der Ostblockfahrer. Denn auch für sie muss der Grundsatz
gelten:
Faire sozialversicherungspflichtige Entlohnung und faire Arbeitsbedingungen.
Es muss Ziel sein, sich bei Entlohnung und sozialen Standards an ordentlichen
Mindeststandards zu orientieren.
Ergebnisse einer Befragung von Berufskraftfahrern.
Passend zu diesen persönlichen Gesprächen und Erlebnisberichten mit und von
Fernfahrern einerseits sowie der jahrelangen Kenntnis der Entwicklung des
Straßengüterverkehrs andererseits wurde unlängst (Juli und August 1999) in
Deutschland die angeführte Befragung durchgeführt. Mit folgenden Ergebnissen:
Überlange Arbeits- und Lenkzeiten sind an der Tagesordnung.
Übermüdung kennt fast jeder.
Nur eine Minderheit glaubt - unter den gegenwärtigen Bedingungen - den Beruf
bis zum Pensions- oder Rentenalter ausüben zu können.
Sekundenschlaf und Beinahe-Unfälle sind weit verbreitet.
Daraus nur ein paar Spitzenwerte, die zum Nachdenken und Handeln aufrufen:
Nur 10 % der Berufskraftfahrer gab eine durchschnittliche wöchentliche
Arbeitszeit von 40 oder weniger Stunden an. 41 % arbeiten zwischen 40 und 60
Stunden, 44 % arbeiten regelmäßig zwischen 60 und 80 Stunden pro Woche.
58 % der Berufskraftfahrer haben ihren Lkw zwischen 40 und 60 Stunden durch den
Verkehr gesteuert; 15 % haben zwischen 60 und 80 Stunden wöchentliche
Fahrleistung erbracht.
40 % der Berufskraftfahrer beantworteten die Frage, ob sie regelmäßig eine
ausreichende tägliche Ruhezeit einhalten können, mit einem klaren "Nein".
Interessant auch die zurückgelegten wöchentlichen Entfernungen: 34 % fuhren pro
Woche unter 2000 km; 16 % zwischen 2000 und 3000 km; 30 % zwischen 3000 und 4000
km. Für 11,5 % zeigte der Tacho am Ende der Woche gar zwischen 4000 und 5000 km
an.
Die Folgen.
Knapp zwei Drittel der Befragten haben das Gefühl, daß ihre Arbeitszeitbelastung
eine Gefährdung der persönlichen Gesundheit und Sicherheit bedeutet; diese
Gefühl verstärkt sich, je länger gefahren wird. Und mehr als die Hälfte geben
an, dass sie unter den derzeitigen Bedingungen keine Chance haben, in ihrem
Beruf die Rente oder Pension zu erreichen. Sie rechnen mit vorzeitiger Berufs-
bzw. Erwerbsunfähigkeit.
Zusammenfassung.
Faire Bedingungen für die Berufskraftfahrer.
Dies ist eine unserer Forderungen in der Alpenschutz-Transiterklärung. Weil die
Berufskraftfahrer immer mehr unter persönlichen Druck geraten (schlechte
Entlohnung, Wegfall des Familienlebens, Druck auf rechtswidriges Fahrverhalten
etc.) muss auch dieses Problem fair gelöst werden. Deshalb: Korrekte und den
heutigen Berufsanforderungen entsprechende sozial- und
pensions-versicherungspflichtige Entlohnung, faire Arbeitszeiten und Ruhepausen
etc.).
Es stimmt sehr nachdenklich, wenn man erlebt, mit welcher Leicht- und
Sorglosigkeit über diese menschlichen, sozialen und familiären Probleme
hinweggegangen wird. Es stimmt vor allem nachdenklich, wenn man in die Zukunft
dieser Berufsgruppe schaut. Am Ende würde wohl die freie Fahrt auf den
Transeuropäischen Netzen (TEN) an 365 Tagen im Jahr stehen – mit dem
Lkw-Führerhaus als Haupt- oder gar Familienwohnsitz.
Aus meiner Sicht besteht dringender politischer Handlungsbedarf. Es geht ganz
einfach nicht an, immer mehr zu verlangen, immer mehr Risiko auf den Rücken der
Berufskraftfahrer zu verlagern und auf den Menschen hinter dem Lenkrad keine
Rücksicht mehr zu nehmen. In einem künstlich erzeugten und dadurch ständig
steigenden Verkehrsaufkommen ist es unabdingbar, die von uns verlangten fairen
Rahmendingungen umzusetzen und auf einen Standard zu verankern, der zeitgemäß
ist:
Genügend Ruhe- und Pausenzeiten, klare Wochenend- und Feiertagsregelungen und
eine versicherungspflichtige Bezahlung, die der hohen Verantwortung dieser
Berufsgruppe entspricht.
Wer die umfangreichen Schutzbestimmungen für Arbeitnehmer in nahezu allen
anderen Branchen kennt, darf nicht zögern, diesen Standard auch dieser
Berufsgruppe angedeihen zu lassen.
Dieser Beitrag stellt nur die Spitze eines Eisberges dar. Er soll dazu
beitragen, Verständnis für die Sorgen und Probleme der Berufskraftfahrer zu
schaffen und soll vor allem dazu beitragen, die verantwortlichen politischen
Entscheidungsträger aufzurütteln. Er soll aber auch und gerade in den eigenen
Reihen dazu beitragen, im Berufskraftfahrer nicht den Verursacher der
Transitproblematik zu sehen. Auch der Fernfahrer ist zunächst ein Mensch wie du
und ich, der unter schwierigsten Bedingungen seiner Arbeit nachkommt. Wir sind
ihm menschlichen Respekt und nicht falsche Schuldzuweisung schuldig.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinen langjährigen
Gesprächspartnern – den Highway-Cowboys – wie sie sich gerne oft sehen. Wenn sie
von vergangenen Zeiten träumen. Weil wir uns näher gekommen sind und weil wir
uns respektieren. Auf der einen Seite die Anrainer, denen Tag für Tag mehr an
Lebensqualität genommen wird und auf der anderen Seite die Berufskraftfahrer,
die nur ihrer Arbeit nachkommen. Die nicht Täter, sondern Opfer eines Systems
geworden sind, das wirtschaftlich und sozial nicht mehr begründbar ist.
Fritz Gurgiser, Obmann
www.transitforum.at
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