IMPRESSUM

E-Mail eines Kollegen vom 24.2.2003

(Anmerkung: Der Verfasser ist ein Ex-Kollege des Müllerman und möchte anonym bleiben)

Ein offener Brief an die Medien

Sehr geehrte Damen und Herren der Medien!

Ich wende mich an Sie, weil ich der Meinung bin, dass sich in meinem Beruf etwas ändern muss. Dafür scheint es mir zuerst die Allgemeinheit über den Beruf "Kraftfahrer" zu Informieren um zu zeigen was wir leisten und wie weit der Staat die moderne Art der Versklavung befürwortet und daraus noch seinen Nutzen hat.

Anfang des Jahres 1998 saß Ich vor Gericht als Angeklagter wegen Unfallfahrerflucht. Sicher ist dies Nebensache, aber was dort geschah ist mit keinen Worten zu Beschreiben.

Trotz geringer Beweislast wurde ich Verurteilt zu 1800 DM Geldstrafe und einen Monat Fahrverbot. Aufgrund der Befangenheit des Richters, der vor meiner Verhandlung eine Schramme an seinem frisch lackierten PKW, vermutlich von einem LKW hatte, und ich der erste LKW Fahrer war den er Verurteilen kann. Selbst auf den Hinweis, dass die Verurteilung meinen Arbeitsplatz gefährdet und meiner Familie das Täglich Brot nimmt lies in kalt und sprach es wäre ihm egal, weil bei 5 Mill. Arbeitslosen wurde es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommen, und natürlich der übliche Spruch, (Sie als Berufskraftfahrer mussten das ja einkalkulieren).

So bis dorthin habe ich mich beruhigt und die Verurteilung hingenommen (da auch das Geld fehlte um weiter zu machen) aber jetzt wo ich mich mehr ais korrekt auf der Straße verhalte kam es vor, dass ein anderer LKW-Fahrer mich überholte und wie üblich mit einem zu geringen Abstand einscherte. Kurz darauf erfolgte eine Abstandskontrolle. Diese Vorkommnisse bewegten mich jetzt mit Hilfe von ihnen vielleicht etwas zu ändern.

Nicht nur dass wir die Familien wochenweise allein lassen und so manche Ehe dabei zu Bruch geht, von den Spediteuren ausgebeutet werden, zu einen Gehalt arbeiten der in der Höhe einer Putzfrau liegt unsere Arbeitszeiten oft nicht bei 10 Stunden endet sondern zwischen 15 und 18 Stunden liegen, nein das ist nicht alles. Wenn man sich das vorstellt, dass all dies auch noch von der Gesetzesseite erlaubt ist und der Staat dadurch auch noch etwas verdient (Versteuerung der Spesen, Autobahnbenutzungsgebühr; die Kommunen ihr zusätzliches Geld durch die Strafen verdienen) werden wir auch noch beschimpft und als Verkehrshindernis dargestellt. Ich bezeichne dies als Moderne Art der Sklavenhaltung.

Doch denkt einer mal darüber nach, wird er feststellen, dass all das was er täglich braucht, oder arbeitet von uns den LKW-Fahrern teilweise über Nacht heran gebracht wurde. Firmen sparen Lagerkosten (Time in Time, Baustellen Termine absprechen um Krankosten zu sparen, Expresslieferungen zugunsten der Kundschaft).

Sicher sagt sich der ein oder andere jetzt, dass man dies auch anders befördern kann. Aber fährt die Bahn vielleicht auf die Baustellen und hält die Termine ein, wie weit bindet sie sich an den Transportverträgen (Versicherungsschutz)? Was helfen Sozialvorschriften wenn sich keiner daran hält, ganz davon abgesehen, für wen sind diese, für Menschen oder Sklaven?

Auszug aus den Tarif und Sozialvorschriften:

Z. B. Arbeitszeit: Der Fahrer muss innerhalb 24 Stunden 9 Stunden Standzeit haben, daraus folgt: Er kann 15 Stunden Arbeiten und Ab- oder Aufladetätigkeiten in die 9 Stunden mit einfließen lassen. In den 9 Stunden kann er essen, waschen, schlafen - reicht das Ihnen?
Allein die Tariflöhne zeigen, dass hier etwas getan werden muss (für Alleinfahrer: 228 bis 244 Stunden 4084 DM, Zweierbesatzung: 259 bis 278 Stunden 4565 DM - Überstunden werden nicht bezahlt).
Spesengeld: Abwesenheit von zu Hause ab 9 Stunden 10 DM steuerfrei ab 14 Stunden 20 DM steuerfrei ab 24 Stunden 46 DM steuerfrei.
24Stunden sind es nur wenn die Abwesenheit von 0 Uhr bis 24 Uhr ist.
Man kann sich vorstellen was die meisten Firmen an Spesen bezahlen. Um noch etwas zu verdeutlichen: 46 DM solle für 24 Stunden ausreichen
- um zu Frühstücken ( ca. 9 DM - um zu Mittagessen ( ca. 15 DM) - für den Kaffee (ca. 5 DM)
- um zu Abendessen ( ca.15 DM ) - Sonstiges : Duschen ( 3 bis 5 DM) - Toilettenbenutzung etc.

Auch hier verdient der Staat durch Steuern und Staatlicher Verpachtung der Autobahnraststätten. Wir können nicht zum nächsten Aldi fahren!
Wir lieben unseren Beruf deswegen nehmen wir so manches in Kauf, unsere Familien verstehen dies, aber was ist, wenn aufgrund der Berufsausübung etwas passiert, z.B., einer den Führerschein verliert wegen Punkte, Übermüdung, UnfaII oder nur weil er sich an die Sozialvorschriften hält gekündigt wird. Wochenarbeitszeiten in zwei Wochen 90 Stunden. Gehen daran Existenzen kaputt, wo ist der Schutz des Arbeiters oder der Familie? Wir, die mehr Kilometer fahren als die Allgemeinheit (ca.: 180.000 km/Jahr), Unfälle teilweise verhindern, werden bestraft ohne Rücksichtnahme auf Familie und Soziales.
Sicher ohne Bestrafung geht's nicht, aber ist hier ein Umdenken nicht möglich? Ich Vergleiche dies einfach maI mit einem normalen Arbeiter der am Fließband steht und etwas fallen lässt. Es ist Ausschuss, wir haben keinen Ausschuss, nicht einmal eine Toleranzebene.

Im heutigen Konkurrenzkampf wird es nicht leichter die Vorschriften einzuhalten, im Gegenteil man ist gezwungen noch mehr zu leisten ( Termine, mehr zu Transportieren) und die Vorschriften zu missachten um ein klein wenig mit den Ausländischen Spediteuren schritt zu halten.

Allein für den Fahrer wird es immer komplizierter seine Fahrpausen einzuhalten da zuwenige Standmöglichkeiten vorhanden sind oder er versucht einfach mal nach Hause zu kommen.
(Standpause: Nach 4, 5 Stunden Fahrt muss eine Pause von 45 Minuten eingehalten werden).

Um ein Ende des Schreibens zu finden möchte ich nur noch ein Beispiel aufführen:

Es ist Sommer der LKW-Fahrer fährt am Sonntagabend los und kommt morgens nach einer Fahrtzeit von 10 Stunden zum stehen. Jetzt kann er Schlafen. Aber wie? Es ist draußen eine Temperatur von knappen 30 Grad. Im Fahrzeuginneren weitaus mehr. Also bleibt es nur ein Dösen. Nach 9 Stunden Pause fährt er unausgeschlafen weiter. Aufgrund des Termins kann er es sich nicht erlauben noch einmal stehen zu bleiben und mit etwas Glück kommt er ohne Zwischenfall an.

Noch einmal - an diesem Beispiel sieht man die Unmenschlichkeit der Sozialvorschrift.

Ich hoffe dass Sie, die Medien, mit uns das Thema erfassen um die Allgemeinheit aufzuklären und vielleicht das eine oder andere zu ändern.
Mit Freundlichen Grüßen in der Hoffnung etwas zu erreichen

St. S. (Verfasser dem Müllerman persönlich bekannt!)

PS: Bitte meinen Namen nicht Veröffentlichen, da auch ich dann um meinen Arbeitsplatz bangen muss.

Danke

 

Ich muss allerdings in aller Form und Deutlichkeit darauf hinweisen, dass diese veröffentlichten Reaktionen und Leserbriefe immer nur die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben! Die Verantwortung liegt also alleine beim jeweiligen Verfasser! Dargestellte Sachverhalte geben nicht automatisch auch die Meinung des Müllerman wieder! Zu jedem Beitrag existiert jeweils zumindestens eine E-Mail-Adresse - wenden Sie sich dorthin, falls Sie sich mit dem jeweiligen Autor persönlich auseinander setzen wollen! Danke für die freundliche Beachtung! Sollte ein Beitrag auf Wunsch des Verfassers anonymisiert veröffentlicht worden sein und Sie sich an diesen wenden möchten, dann nehmen Sie bitte mit mir Kontakt auf! Ich habe in diesen Fällen die jeweilige Kontakt- oder E-Mail-Adresse.


Übersicht für die Besucherreaktionen + Leserbriefe:

01. Handzettel: "Zu lange am LKW-Steuer: Keine Bagatelle !!!!

02. Der Transit und die Berufskraftfahrer

03. Sehr offene Worte und Anklage des Kollegen Joachim Schulz / Minden

04. Ein offener Brief an die Medien

05. Musste wegen eines Rechtsstreits des betreffenden Verfassers offline genommen werden

06. Deutliche Worte eines LKW- und Busfahrers

07. Gelten das Arbeitszeitgesetz und der Arbeitsschutz NICHT für Fernfahrer?!!

08. Infos zur allgemeinen Sicherheitslage in Spanien für Fernfahrer + Touristen

09. LKW-Transitproblematik in Tirol - Eine bemerkenswerte Meinung dazu aus der Tiroler Bevölkerung


 

 

 


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