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Liebe Leser und Kollegen!
Deutschland ist aus gutem Grunde, wenn es um Streiks und Blockaden von
Fernfahrern geht, ein recht unbeschriebenes Blatt. Die letzten zaghaften
Versuche, von denen ich persönlich gehört habe, sind schon einige Jahre her
- und da wurde den teilnehmenden Fahrern ganz un-verhohlen damit gedroht,
dass sie sich für eine sehr lange Zeit von ihren Führerscheinen
verabschieden müssten, wenn sie den Streik - genau genommen ging es wohl
seinerzeit zuletzt um die Blockade eines Grenzüberganges - nicht
unverzüglich abbrechen würden. Das saß so nachhaltig, dass meines Wissens
seitdem keiner mehr Lust verspürt hat, etwas in dieser Art durchzuziehen.
Ganz anders, viel wilder, hemmungsloser und überhaupt rigoroser geht es in
anderen Ländern bei so etwas zu. Recht bekannt in dieser Hinsicht sind
Frankreich und Italien.
In Nordfrankreich erlebte ich dies selbst auf einer Rückfahrt mit dem
Motorrad von England her, als die Routiers (= französische Fernfahrer) eine
Nationalstraße mit brennenden Ölfässern und ähnlichem mehr dicht machten.
Die wollten für eine gewisse Zeit gleich überhaupt niemanden durchlassen -
nur mit viel Glück durfte ich schließlich passieren und selbst mit dem
Motorrad habe ich es nur knapp durch die Absperrungen geschafft.
Bei einem anderen Streik
der Fernfahrergewerkschaft in Frankreich wurden an einer mautpflichtigen
Autobahn in Nordfrankreich die Zahlstellen an einer Stelle außer Betrieb
genommen und der Verkehr immer nur schubweise - allerdings ohne dass man die
eigentlich fällige Maut entrichten musste! - durchgelassen. Kann sein, dass
(noch fahrende) französische „Kollegen“ bei dieser Gelegenheit gleich eine
Weile von den Demonstranten lahm gelegt wurden.
Einem damaligen Kollegen aus einer meiner Speditionen soll es in Italien
sogar passiert sein, dass man auf seinen LKW geschossen hat, als er
unerlaubt so eine Blockade der italienischen Fahrer missachtete und
durchbrach. Zumindest hat er mir knapp unter seiner Windschutzscheibe ein
kreisrundes kleines Loch zeigen können, das möglicherweise tatsächlich von
einem Einschuss stammte!
Tatsache ist es auf jeden Fall, dass bei diesen Gelegenheiten die Stimmung
recht aufgeheizt ist unter den Blockierern und sie sehr leicht geneigt sind,
nicht kooperative "Kollegen" aus dem Fahrerhaus zu ziehen und eventuell
sogar zu verprügeln!
So eine Situation konnte ich im Jahr 2000, als ich selbst viel in Italien
unterwegs war, beinahe beobachten, als ein widerstrebender italienischer
Fahrer um Haaresbreite in eine massive körperliche Auseinandersetzung
verwickelt wurde. Mir schien es am besten, gute Miene zum aufgezwungenen
Spiel zu machen und blieb freundlich, als mir bedeutet wurde, mich wie die
anderen seitlich mit dem LKW hinzustellen. Ich stieg dann aus und fragte,
wie lange es wohl dauern würde. Erst war die Rede von ein bis zwei Stunden -
und keine Viertelstunde später kam einer der Streikenden zu mir und gab mir
zu verstehen, dass ich gerne weiterfahren könne. Alles in allem also
eigentlich eine eher harmlose Geschichte mit nur wenig Zeitverlust.
Ein großer Unterschied in Deutschland ist, insbesondere zu Frankreich ist
das der Fall, dass dort die Bevölkerung ganz anders hinter den Fernfahrern
und den (vernünftigen) Zielen, die sie verfolgen, steht. Die toleriert das
und fügt sich in die vorübergehende Problematik. In Frankreich ist das auch
in anderen Branchen ganz selbstverständlich, dass mal hier oder da ganz
rigoros gestreikt wird vorübergehend.
Und man muss sich eingestehen, dass dadurch, selbst wenn es mal etwas dauern
sollte, wirklich immer einige Verbesserungen erreichen lassen für die
bewusste Berufsgruppe.
Nur die Fernfahrer selbst in Deutschland können nicht wirklich einen Streik
auf die Reihe bringen. Blockade ist zum einen ohnehin nicht drin, weil dann
der Führerschein und somit die "Arbeitserlaubnis" und Existenzgrundlage
massiv gefährdet sind und zum Anderen, weil eine Blockade der falsche Weg
ist und naturgemäß nicht auf die Gegenliebe der vor allem fahrenden und dann
stillgelegten Bevölkerung treffen würde.
Der gewerkschaftliche Organisierungsgrad ist ohnehin vermutlich nur
lächerlich klein und da die Fernfahrerschaft sowieso ein "Verein" von
Super-Individualisten ist, dürfte es reichlich schwer sein, genügend
Teilnehmer für so etwas zu finden. Noch nicht einmal innerhalb der kleinsten
Spedition sind die Fahrer in der Lage, an einem Strang zu ziehen. Wäre dies
nämlich mal der Fall, könnten die Leute allein da schon verquere und dubiose
Arbeitsbedingun- gen durch Druck auf den Arbeitgeber in eine günstigere
Richtung bringen. Aber wenn noch nicht einmal im kleinsten denkbaren Rahmen
(also innerhalb einer Firma) so eine Form der Gemeinsamkeit zu praktizieren
ist - wie soll das dann erst speditionsübergreifend realisiert werden? Vor
allem: durch wen?
Die Herren Chefs von Fuhrunternehmen sind aber auch nicht besser als ihre
Untergebenen!
Es geht schon mal so los, dass die auch nicht alle Mitglied im
Arbeitgeberverband (z.B. "Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik"
(="BGL") sind und es auch nicht im Kreuz haben, ihre Mitglieder entsprechend
zu disziplinieren.
Ein Beispiel erlebte ich Mitte der 90er Jahre, als rein im Interesse der
Fuhrunternehmer jeder LKW lediglich zur Mittagszeit eine Stunde auf einem
Parkplatz stehen bleiben und (absolut lächerlicherweise) in dieser Zeit ein
Hupkonzert veranstalten sollte. Worum es seinerzeit ging, weiß ich nicht
mehr. Aber bekannt wurde mir, dass ein großer internationaler Spediteur
seinen Fahrern die rigorose schriftliche Anweisung - die im Sinne der
Eigenreklame natürlich an alle wichtigen Kunden zur Information weiter
gegeben wurde - erteilte, dass es strengstens untersagt sei, an der Aktion
teilzunehmen. Und das, obwohl die bewusste und reichlich harm-lose Aktion
eigentlich auch im Interesse dieses gewissen Spediteurs war. Aber der nutzte
die sich bietende Gelegenheit, um andere Spediteure ausbooten zu können - im
Sinne von: "Liebe Kunden schaut her, was wir für ein vorbildlicher und vor
allem zuverlässiger Transportbetrieb sind! Wir machen bei solchen
zweifelhaften Aktionen nicht mit und haben unseren Fahrern die Teilnahme
ganz streng verboten!"
Also, wie bitteschön, soll es eine Branche, in der solche chaotischen und
gegensätzlichen Zustände herrschen, denn dann auf die Reihe bringen, für
sich und ihre Fahrer etwas zu erreichen?! Die meisten Fuhrunternehmer denken
sowieso ausschließlich an ihr eigenes Wohl und ihren Profit - für die sind
Fahrer nur billiges Material zum Ausnützen und Schikanieren, und die man
nicht gut behandeln muss!
Die Politik und die Wirtschaft wissen natürlich ganz genau um diese
Zerrissenheit und Uneinigkeit in der Branche - und reiben sich die Hände,
weil sie die Spediteure so leicht gegeneinander ausspielen können. Und weil
die Branche nicht in der Lage ist, an einem Strang zu ziehen, wird mit ihr,
vor allem von der Politik, gemacht, was man will.
Wie sagt man so schön: "Einigkeit macht stark!"
Davon hat man in der Fuhrbranche offensichtlich noch nichts gehört - um
niedriger eigener Interessen und Vorteile wegen gehen alle ihre
eigenständigen Wege. Schön dumm!
Letztes Jahr schafften es zwar mal ein paar Spediteure mehr, auf Initiative
des "BGL", sich Gleichzuschließen, indem sie ihre LKWs zu einer Großdemo
gegen die Ökosteuer nach Berlin schickten (laut FOCUS 40/2000 nahmen rund
7.000 LKWs, eskortiert von 2.000 Polizisten, an der friedlichen
Berlin-Sternfahrt teil, und verwandelten die Ost-West-Achse Richtung
Brandenburger Tor in einen gigantischen Parkplatz), aber außer,
ausnahmsweise einigen Symphatiepunkten bei der, sonst negativ eingestellten,
Bevölkerung erreichten sie gar nichts!
Wie war das noch mit dem "zahnlosen Tiger"...?!
Also machen Sie sich mal Ihre Gedanken über diese, meine Ausführungen und
Überlegungen. Man sollte sicher generell keine Möglichkeit auslassen, auf
die reale Situation der LKW-Fahrer aufmerksam zu machen – aber die Wahl der
Mittel sollte doch sehr wohl überlegt sein…

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