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Liebe Leser und Kollegen!
Es muss auch einmal öffentlich kundgetan werden, was es für Fahrer
eigentlich bedeutet, an einen so genannten Großmarkt zu liefern. Gerade in
der heutigen Zeit, wo es selbstverständlich geworden ist, in einem
Supermarkt oder bei einem Discounter einzukaufen, ist es wichtig, auch
einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen! Im Grunde genommen steckt
ja hinter jedem Artikel, den wir dort mal so eben kaufen können, eine eigene
kleine Geschichte, wie er seinen Weg ins Verkaufsregal geschafft hat.
Darüber sollten Konsumenten durchaus einmal nachdenken! Und da vor allem
über diejenigen, denen das zu verdanken ist! Betrachten wir das ganze also
mal aus Sicht der Fahrer:
So mit das Schlimmste, was einem als Ladung zustoßen kann, ist eine
Lieferung für einen so genannten Großmarkt. Es sind dies die großen,
manchmal sogar riesigen Zentrallager von Handelsketten. Und da ist
eigentlich zu der Anlieferzeit, die von etwa 6 Uhr morgens bis allenfalls
Mitte des Nachmittags dauert (freitags gelten oft besondere Bedingungen:
manche haben da gar keine Annahme oder auch nur vormittags!) immer reichlich
was los.
Selbst wenn man schon pünktlich um 6 Uhr dasteht, sind im Normalfall schon
etliche, manchmal auch bereits Dutzende anderer Lastwagen vor einem. Die
stammen dann teils noch vom Vortag, weil sie zu spät angekommen sind, oder
sie sind im Laufe der Nacht eingetroffen. Vielfach ist es dort Primitiver-
und Sparsamerweise (aber zum Nachteil der Fahrer!) so eingerichtet, dass die
Fahrzeuge in einer langen Reihe, gelegentlich um den ganzen Gebäudebereich
herum, anstehen müssen, bis die Fahrer ihre Papiere abgeben dürfen. Das
heißt vor allem, dass sich die Fahrer in der fast immer sehr langen
Wartezeit noch nicht mal in die Koje legen können, um etwa Schlaf
nachzuholen, sondern ständig nachrücken müssen. Denn tun sie das nicht, ist
damit zu rechnen, dass sich unfaire Kollegen an ihnen vorbei mogeln - was
wieder zu noch längerer Wartezeit, ab und zu auch zu handfesten körperlichen
Auseinandersetzungen führt.
Wenn man viel Glück hat, erwischt man einen der wenigen Großmärkte, die über
die so genannten "Piepser" verfügen, mit denen der Fahrer sich dann fast
frei bewegen kann: also etwa in die Kantine, auf die Toilette oder er kann
sich sogar im LKW hinlegen - der "Piepser" meldet laut und vernehmlich, auch
wiederholt, dass das Fahrzeug an einer bestimmten Rampe oder Tor erwartet
wird.
Von noch mehr Glück kann man sprechen, wenn man einen der ganz, ganz wenigen
Groß- märkte erwischt, wo man nicht als schlichtweg kostenloses
Entladepersonal missbraucht wird! Die überwiegende Zahl der Anlieferungen
erfolgt nämlich aus dem Bereich des Fernverkehrs (national und auch
international). Und laut den Sozialvorschriften ist der Fahrer nicht
verpflichtet im Fernverkehr (alles über 70 km Transportweg ungefähr!) selbst
die Be- oder Entladung vorzunehmen. Er muss lediglich das Fahrzeug zur
Entladung bereitstellen: also ans Tor oder die Rampe fahren und beizeiten
eben hinten die Bordwände aufklappen und eventuell vorhandene Einrichtungen
für die Ladungssicherung entfernen.
Aber glauben Sie nicht, dass das Gros dieser Zentrallager sich um die
Einhaltung dieser gesetzlichen Vorschriften kümmern würde! Die Fahrer sind
da bereits fest als (kostenloses) Entladepersonal einkalkuliert! Und für
jeweils mehrere Rampen oder Tore ist gerade mal eine Kontrollperson
zuständig, die die Ware zählt, kontrolliert und schließlich abnimmt und die
Lieferpapiere unterzeichnet. Zu allem Überdruss haben die Fahrer es meist
mit recht un- freundlichen und schikanösen Leuten zu tun, die zwar in der
Betriebs-Hierarchie eigentlich ganz unten stehen, die sich aber eben oft für
kleine "Könige" der (passendere Ausdruck wäre "Despoten"!) halten, die ihren
eigenen Frust an den Fahrern auslassen können. Glauben sie zumindest!
Kommt mal ein Fahrer auf die wagemutige Idee, sich gegen diese Zustände
aufzulehnen und von Recht wegen darauf zu pochen, dass vom Großmarkt
Personal gestellt wird zur Entladung, gibt es eigentlich immer für den
Fahrer (und dessen Spedition) Probleme ohne Ende:
Entweder er muss dann wesentlich länger warten oder, falls wirklich vom
Fahrer die Gewerbeaufsicht informiert wurde und sich diese tatsächlich dann
blicken ließ - mit der Konsequenz, dass vom Großmarkt eigenes Personal
abgestellt werden musste, dann bedeutet das fast sicher für zumindest den
Fahrer, ggf. auch seine Spedition ein sehr langes Hofverbot. Das wiederum
heißt, falls nur der Fahrer davon betroffen ist, dass dieser sogar
kurzfristig mit seiner Kündigung rechnen muss (NATÜRLICH DANN AUS GANZ
ANDEREN, VORGESCHOBENEN GRÜNDEN!), wenn er häufig mit diesem Kunden zu tun
gehabt haben sollte. Noch sicherer ist dem Fahrer seine Kündigung, wenn die
Spedition diesen Großmarkt (im schlimmsten Falle alle Niederlassungen des
Handelsunternehmens) nicht mehr anfahren darf. Denn das bedeutet ja ganz
klar einen Umsatz- und Arbeitsverlust für diese Spedition. Und der "ach so
aufsässige" Fahrer darf dann den Sündenbock spielen - obwohl er nur auf sein
gutes Recht gepocht hat!
Wie gesagt, es gibt nur ganz, ganz wenige Großmärkte, die sich in dieser
Hinsicht an die gesetzlichen Vorschriften halten und den Fahrer nicht für
die Entladung in Anspruch nehmen!
Einmal mehr frage ich hier: "Wo bleibt die strenge Kontrolle der
Gewerbeaufsicht?!?"
Schon seit ich den Job 1985 angefangen habe, bestand diese Praxis - und bis
heute hat sich daran fast gar nichts geändert! Das ist eine
Riesen-Schweinerei!
Natürlich handhaben viele andere Unternehmen es ganz genau so! Aber ganz
offensichtlich drohen hier den Firmen nur so lächerliche oder auch gar keine
Strafen, dass es sich wohl ganz gut rechnet, hier permanent - und ohne eine
Spur schlechten Gewissens - gegen gesetzliche Bestimmungen zu verstoßen...
Profit geht wohl über alles, oder was?!
Warum gibt es überhaupt Sozialvorschriften und vor allem eine
Kontrollbehörde, wenn hier jahrzehntelang gegen geltende Vorschriften
eklatant verstoßen wird???
Oder sollte sich Deutschland doch zunehmend in eine "Bananen-Republik"
verwandeln, in der es drunter und drüber geht?
Übrigens kursieren - zur allgemeinen Erheiterung der Fahrer - auf den
Parkplätzen dieser Großmärkte immer wieder wilde Geschichten, in denen es
ein Fahrer mal wieder "so einem Sauladen" ordentlich gezeigt hat...
Eine der am häufigsten wiederkehrenden Geschichten ist die, dass so ein
Fahrer seine gesamte Palettenware zufällig auf einem Kipperzug geladen
hatte, und dem Mann von der Warenannahme angedroht habe, seine Ladung auf
den Hof zu kippen. Und dieser, in Unkenntnis, dass es sich um einen
Kipperzug handelte, lapidar - natürlich vor Zeugen - zu dem Fahrer gemeint
habe, dann solle er das halt tun, wenn er sich nicht an die Spielregeln des
Großmarktes halten wolle. Und dieser heldenhafte Fahrer habe das dann zur
Freude aller wartenden anderen Fahrer auch tatsächlich gemacht. Und für den
Schaden war ebenso natürlich dann der Mann von der Warenannahme
verantwortlich...
Wie gesagt, eine nette Geschichte - die ich aber selbst nicht für wahr
halte. Gewissermaßen ist das dann wohl "Fernfahrer-Garn", das da gesponnen
wurde...
Ich hoffe, dass „Nicht-Fernfahrer“ beim nächsten Einkauf mal über diese
realen Hintergründe nachdenken! Noch schöner wäre es allerdings, zu einer
Einstellung, Grundhaltung und Erkenntnis zu kommen, dass die LKWs auf
unseren Straßen nicht zum Selbstzweck fahren, sondern mit wirklich schöner
Regelmäßigkeit – und unter zunehmend erschwerten Bedingungen! – für unser
aller tägliche Versorgung unterwegs sind!!! Und am Steuer jeden LKWs sitzt
ein ungeheuer fleißiger Mensch, der vollen Respekt verdient hat für die
große Leistung, die er als einer von vielen für die Allgemeinheit erbringt…
Sehr treffend in diesem Zusammenhang ist die Werbung mancher
österreichischer Spediteure hinten auf ihren Fahrzeugen: „Trucks – Friends
on the Road!“

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