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Wenn Sie schon immer wissen wollten, was wirklich alles in einer Spedition abgeht...

3.6. Linienverkehr für Paketdienst

Ein wahres Speditionsportrait nach eigenen Erfahrungen von Peter J. Müller

Das war auch einmal für eine ganze Weile für mich ein aktuelles Thema – zum Glück aber nie mehr als einige Wochen! Los ging dies zur Winterszeit und wegen der Entfernung und dieser Jahreszeit ausgerechnet auch noch mit zweitem Mann!

Abends musste in Augsburg bei der betreffenden Paketdienstniederlassung der komplette Wechselbrückenzug aufgebrückt werden. Und bestimmt war die ganze Fuhre für eine andere Filiale in nächster Nähe des Hermsdorfer Kreuzes im Osten. Das bedeutete wegen der Entfernung von etwa 370 km, dass es schon recht gut laufen musste auf der Strecke, wenn man es in 4,5 bis 5 Stunden dorthin schaffen wollte – schließlich gab es ja eine bestimmte Uhrzeit, zu der man etwa dort eintreffen sollte. Und zu dieser Zeit – Mitte der 90er Jahre – gab es im Bereich der Autobahn A9 noch reichlich Baustellen zwischen Nürnberg und der alten Zonengrenze. Natürlich „gewürzt“ mit Mengen von Überholverboten auch außerhalb der Baustellenbereiche, die selbst nachts trotz niedrigen Verkehrs galten. Wie Sie sich wohl selbst leicht vorstellen können, war auf dieser Strecke natürlich auch immer einiges an LKWs aus Osteuropa unterwegs – und die stellten häufig wegen ihrer seinerzeit noch altersschwachen und untermotorisierten Zugmaschinen fahrende Verkehrshindernisse dar an den vielen Steigungen. Also „gewöhnte“ man es sich mehr oder weniger an, jede Nacht immer wieder einmal bei passender und vor allem „sicherer“ Gelegenheit ein eventuell bestehendes Überholverbot zu ignorieren… - natürlich immer mit entsprechend schlechtem Gewissen! Überholen im Überholverbot stellt ja aus Sicht der Vorschriften und Bestimmungen keine Kleinigkeit dar, sondern ist auch schon mit einem Punkt in Flensburg verbunden! Zum Glück bin ich jedoch nie dabei erwischt worden. Und eigentlich ist es ja auch eine der Übertretungen, die man sich besser nicht zur Gewohnheit macht!

In der Filiale beim Hermsdorfer Kreuz wurde der gesamte Zug dann wieder umgebrückt. In aller Regel gab es aber sehr wohl Gelegenheit, dort auch noch eine ordentliche Kaffeepause zu machen, denn meist waren die Wechselbrücken, die man mit nach Augsburg nehmen sollte, noch nicht fertig geladen. Die erstaunlichste Rückladung waren einmal ganze vier kleine Pakete, die nur wenige Kilogramm wogen – und das auf einem ausgewachsenen 40-Tonnen Gliederzug!

Sofern ich also im Winter auf dieser Linie eingesetzt wurde, war ich meistens mit einem älteren Kollegen unterwegs, der vorher in dieser Spedition immer einen der beiden Bierzüge gefahren war. Gesundheitlich war der Mann schon sehr angeschlagen (weil er jahrzehntelang und seit jungen Jahren bereits Fernfahrer gewesen war!!!) und musste sich wohl noch circa ein ganzes Jahr durchschlagen, bis er ohne Probleme in die etwas verfrühte Rente gehen konnte.

Fernfahrerschicksal! Im Hinblick auf die sonst noch nicht einmal 40 Arbeitsstunden pro Woche, die ein herkömmlicher Arbeitnehmer ableistet, hat z.B. dieser Kollege (der wohl gegen Ende 50 war) schon soviel Arbeitsleistung in seinem Leben als Fernfahrer gebracht wie eben sonst „Otto Normalarbeitnehmer“ in vielleicht 60 Berufsjahren! Das ist in Deutschland schon eine seltsame Form der Gerechtigkeit und „Chancen-Gleichheit“ für Arbeitnehmer! Nach wie vor ist es offensichtlich, dass Fernfahrer sehr ungebührlich und ungeheuer benachteiligt sind gegenüber der breiten Masse anderer Arbeitnehmer! Aber wo bleiben die überfälligen Reformen?! Die Politiker ignorieren hartnäckig die Realität und Ungerechtigkeit im Fernfahrer-Beruf und engagieren sich lieber für die wahren Übeltäter: die Industrie und ihre willfährigen Handlanger, die Fuhrunternehmer! Denen geht es meistenteils noch mächtig prächtig und die LKW-Fahrer müssen immer mehr Arbeit für noch viel weniger Geld, keinen Freizeitausgleich, lächerlich wenig Urlaub und ein viel zu spätes Renteneintrittsalter erdulden!!!

Ich für meinen Teil schaute, was ich für den sympathischen Kollegen tun konnte, und ließ ihn seine Zeiten am Steuer so wählen, wie es für ihn am besten schien. So konnte er in der Zeit, wo ich am Lenkrad saß, hinten in der Koje wenigstens für einige Stunden schlafen. Für jemand mit seinem gesundheitlichen Zustand und in Anbetracht seines Alters stellte diese nächtliche Schichtarbeit verständlicherweise schon eine erhebliche Zumutung und Belastung dar!

Wenn man Pech hatte – z.B. viel Schnee, glatte Straßen oder irgendwelche Staus auf der Strecke, dann konnte diese nächtliche Tour schon einmal 14 Stunden und länger dauern. Und dann war es von der Zeit her schon eng, dass man wieder zuhause noch ausreichend Erholung und Schlaf abbekam! Diese nächtlichen und sehr langen Linienverkehre sind wahrlich kein Zuckerschlecken – und am Wochenende kann man dann wieder schauen, wie man vorübergehend in den Lebensrhythmus der „normalen“ Leute kommt! Dasselbe Spielchen natürlich umgekehrt zum Beginn der Arbeitswoche…

Ab dem Frühjahr „durfte“ man diese lange Nachttour dann auch allein fahren – obwohl das von der Lenkzeit her dann auch nicht ganz koscher war! Denn Nacht für Nacht war man ja mit wenigstens 10 Stunden Lenkzeit dabei – wenn es optimal lief…

Da keiner der in Frage kommenden Kollegen bereit war, diese Tour länger als jeweils eine Woche allein zu fahren, wurde also unter fast allen Wechselbrückenfahrern gewechselt. Ich kann mich da auch noch gut an einen jungen Kollegen erinnern, der das sehr große Problem damit hatte, diese Tour auf die Reihe zu bekommen. Er hatte nämlich massive Schwierigkei-ten tagsüber den überlebenswichtigen Schlaf zu finden. Dementsprechend schlecht ausgeruht trat er also die lange Nachttour an. Mitte dieser Woche, in der er dazu eingeteilt war, traf ich ihn einmal am Spätnachmittag am Hof kurz vor der Abfahrt. Er hatte einige Dosen Red Bull oder so einen ähnlichen Mist in der Hand. Ich fragte ihn, was er denn mit diesem Zeug wolle. Zu meinem nicht geringen Erstaunen teilte er mir mit, dass er das als Aufputschmittel und Muntermacher brauchen würde! Da kam er aber bei mir an den Rechten! Ich machte ihm in aller Deutlichkeit klar, dass er da einen großen Blödsinn machte – das beste „Aufputschmittel“ für lange Touren ist immer noch im Vorfeld davon ausreichend viel und ein erholsamer Schlaf! Außerdem bat ich ihn dringend – vor allem im Interesse seiner Gesundheit und auch der von anderen Verkehrsteilnehmern – rechtzeitig einen Parkplatz anzusteuern, falls er zu müde würde. So dringend, eilig und wichtig kann KEINE TOUR sein, wenn man vorübergehend wegen Übermüdung nicht mehr in der Lage ist, sicher einen LKW zu steuern!!! Meines Wissens wirken jegliche „Aufputschmittel“ oder „Muntermacher“ meist nur vorübergehend – und danach ist der Leistungsabfall und Konzentrationsmangel umso heftiger! Also sind solche (weitestgehend wahrscheinlich illegalen) „Hilfsmittel“ definitiv strikt abzulehnen – die eigene Gesundheit geht immer vor; egal in welchem Job auch immer!

Das ist überhaupt so ein grundsätzliches Problem mit den eher „jungen“ Kollegen und Fahrern: Die kennen ihre eigenen Grenzen oft noch nicht, wollen mangelnde Berufserfahrung mit überzogenem Ehrgeiz bei der Bewältigung von Touren und Strecken unter Beweis stellen und überfordern sich damit. Mit manchmal mehr als bitteren Konsequenzen… Eine weitere Ausführung zu diesem Thema finden Sie dann in diesem Speditionskapitel noch unter dem Stichpunkt „Die Kollegen“.
 

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