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Wenn Sie schon immer wissen wollten, was wirklich alles in einer Spedition abgeht...

5. Der Disponent

Ein wahres Speditionsportrait nach eigenen Erfahrungen von Peter J. Müller

Der war wahrlich eine Marke für sich! Wie bereits vorher erwähnt, dauerte es fast zwei Jahre, bis ich einen passablen Weg fand, mit ihm zurecht und auszukommen. Ab da hatte ich meine relative „Ruhe“ vor ihm.

Wenn man ihm auch bescheinigen musste, dass er seinen Job zum Vorteil der Firma sehr fähig und routiniert ausübte, so war doch Menschenführung nicht wirklich sein Ding. Am Telefon war er immer wieder sehr unterschiedlich gelaunt drauf. Am schlimmsten war dies in aller Regel dann der Fall, wenn er in der Nacht zuvor eine seiner beiden Taxen, die er nebenbei laufen hatte, selbst fahren musste. Dementsprechend schlecht ausgeruht war dann auch seine Laune. Dann konnte er auch dermaßen einen lauten und unverschämten Befehlston drauf haben, dass man den Telefonhörer locker einen halben Meter weit entfernt halten konnte und musste. In dem Fall war es aber sowieso besser, wenn man gleich wieder auflegte und einige Minuten wartete. Dann hatte er sich meistens wieder eingekriegt.

Aber das scheint ja überhaupt vielen Disponenten in Deutschland eigen zu sein, dass sie einen rüden und nicht selten mit Schimpfworten gespickten Sprachwortschatz drauf haben! Auch an so was muss man sich erst mal gewöhnen – leider! Kein Wunder sicher, dass sich bei solchen Ausgangsvoraussetzungen auch viele Fahrer im Laufe der Zeit vom Sprachgebrauch her in recht rüde und derbe Gesellen verwandeln. Und das müsste nicht wirklich so sein! Da könnten sich die Herren Disponenten mal eine gewaltige Scheibe abschneiden von z.B. ihren Kollegen in Italien: Da herrscht ein ganz anderer Umgang miteinander (wenigstens nach meinen eigenen Erfahrungen in drei italienischen Speditionen!).

Typisch ist ja ebenfalls für diese Branche, wie schnell da ungefragt zum „Du“ gewechselt wird. Beim Einstellungsgespräch heißt es noch und vor allem in höflichem Ton „Sie“ – und kaum hat man angefangen, geht es schon mit der Duzerei los. Würde es Sie dann wirklich noch wundern, warum so viele Fahrer das seltsame Gefühl haben, sich in einem sklavenhalterischen Verhältnis zu befinden?! Und der alte Witz kursiert darüber: „Ich kann gar nicht entlassen werden – Sklaven muss man verkaufen!“

Der bewusste Disponent saß übrigens seit bald zwanzig Jahren und sehr unangefochten in seiner Stellung. Versuche des Inhabers der Spedition, einen zweiten Disponenten aufzubauen (was ja irgendwo verständlich gewesen wäre bei irgendwann deutlich über 30 Fahrzeugen!), scheiterten kläglich, weil der Herr Disponent keinen zweiten neben sich aufkommen ließ und potentielle Bewerber immer wieder erfolgreich ausbootete. Zwar gab es im Disponentenbüro einen weitern Mitarbeiter, aber der hütete sich wohlweislich, irgendwelche Aufträge zu erteilen oder Anordnungen für die Fahrer zu treffen. Der wusste genau, was ihm dann blühte, wenn er dem Disponenten dazwischen funkte…

Der Disponent fühlte sich in seiner Position sogar so sicher, dass es gelegentlich auch mal zu peinlichen Auftritten zwischen ihm und dem Chef kommen konnte. Und da kümmerte es den Disponenten wenig, ob etwa zufällig ein Fahrer zugegen war! Beispiel: Da stehe ich also im Büro und warte auf einen Fahrauftrag. Der Chef kommt rein und macht dem Disponenten einen Vorschlag bezüglich einer bestimmten Tour. Was macht der Disponent? Schnauzt mit voller Lautstärke den Chef an: „Schleich Du Dich doch mit Deinen Scheiß-Ideen!“ Und der Chef schleicht sich daraufhin wie ein geprügelter Hund aus dem Büro! Irgendwo war diese Situation ja saukomisch (natürlich durfte man nicht lachen!) – aber Tatsache ist doch wohl eher, dass so etwas nicht angehen kann. Auch der Disponent ist ja nur ein Angestellter. Und der darf sich ja wohl nicht so sehr daneben benehmen!

So gefiel sich also der Disponent in seiner Rolle als (vermeintlicher) kleiner König und nutzte seine Position selbstredend weidlich aus! Wer sich als Fahrer weigerte, seine Aufträge so auszuführen, wie er sie anordnete, konnte schnell mit einem gefährlichen Unterton in seinen Ausführungen Bekanntschaft machen. Und da wurde im Grunde genommen recht unverhohlen dann mit der potentiellen Kündigung gedroht. Ich selbst hatte da etliche Konfrontationen mit ihm etwa bezüglich der häufigen Überladungen beim Papier- und Stahltransport.

In einem Fall legte er mich richtig gehend auch rein und ließ mich einen LKW komplett mit kennzeichnungspflichtigem Gefahrgut vom Betriebshof nach München fahren. Nur dass eben der von mir zu übernehmende Lastwagen selbst nicht durch offene Gefahrgutschilder gekennzeichnet war und aus den beigefügten Papieren (Frachtbrief und Lieferscheine) ebenfalls nicht ersichtlich war, dass mit aufgeklappten Warntafeln zu fahren war. Das kam erst auf, als ich auf den Hof der Firma in München fuhr und die sich sehr wunderten bei der angelieferten Ware, dass ich sie mit „normalen“ LKW anlieferte – also eben ohne Kennzeichnung und Gefahrgutausrüstung. Natürlich stellte ich den Disponenten nach Rückkehr sofort zur Rede – aber der feige Geselle leugnete hartnäckig, dass er etwas davon gewusst hätte. Die Wahrheit kam aber doch noch später ans Licht: als ich den Kollegen traf, der die Ware vorgeladen und auf unseren Betriebshof gefahren hatte, erzählte mir dieser, dass er sowohl den LKW vorschriftsmäßig gekennzeichnet und die Warntafeln eben aufgeklappt hatte! Also hatte der Disponent abends noch selbst für die entsprechenden Manipulationen gesorgt! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich übrigens noch nicht den Gefahrgut-Schein gemacht, war aber wohl gerade der einzige freie Fahrer, der die Fuhre machen konnte. Da der Disponent wusste, dass ich mich sonst geweigert hätte, erweckte er bewusst den Anschein, als handele es sich um normale Ware! Ein starkes Stück!

Auch bei einer anderen Gelegenheit nahm man es mit Vorschriften nicht so genau: ich kann mich auch noch an zwei Nahverkehrstouren erinnern, die ich mit einem LKW durchführte, bei dem sowohl Maschinenwagen als auch Anhänger rote Vorführkennzeichen hatten. Der komplette Lastwagen war also eigentlich überhaupt nicht angemeldet! Und da ist es meines Wissens definitiv verboten, irgendwelche Transporte durchzuführen!

Leerfahrten und größere Umwege hielten sich bei diesem Disponenten sehr in Grenzen. So konnte man ziemlich sicher sein, nach in aller Regel zwei, spätestens aber nach drei Tagen abends wieder auf dem Betriebshof und danach zuhause zu sein. Auch war die Einteilung und Planung der Touren generell so, dass man spätestens am Freitagabend fertig war. Allerdings konnte man sehr sicher sein, wenn man bereits am Sonntagabend losfahren musste, dass man dann bis in den Montagnachmittag hinein zu tun hatte – also jenseits zulässiger Lenk- und Schichtzeiten lag! Kilometerleistungen von Sonntag auf Montag mit 700 bis über 900 km waren da auch schon fast normal… Zum Glück erwischte es einen aber nicht so häufig, dass man bereits am Sonntag raus musste. Ansonsten waren durchschnittlich die Ruhezeiten so gerade eben einzuhalten – aber tagtäglich so um die 14 Arbeitsstunden die Regel…

Ich kann es mir auch nicht verkneifen, bezüglich des Disponenten noch folgende kleine Geschichte zum Besten zu geben: Bei einer Gelegenheit war er nämlich unerwartet eher sehr kleinlaut am Telefon. Und das kannte man an ihm überhaupt nicht sonst! Auf näheres Nachfragen kam heraus, dass er auf dem Betriebshof mit einem Auflieger rangiert hatte. Allerdings unterschätzte er beim scharfen Drehen, dass das Heck des Aufliegers dann entsprechend weit herüberschwenkte. Und bei dieser Gelegenheit erwischte er mit der Stoßstange das Heck von meinem Manta und schob diesen noch auf den BMW eines Kollegen. Was den Manta anging, so war dieser somit ein wirtschaftlicher Totalschaden – und ich hatte das Fahrzeug erst wenige Wochen zuvor für 550 DM einem Kollegen abgekauft und selbst noch einmal über 1000 DM investiert! Für sein damaliges Alter von 15 Jahren und nur wenig mehr als 110.000 km war er noch in einem recht guten Zustand gewesen. Zu meinem Glück konnte ich den Manta mit wenig Aufwand und Geld wieder herrichten – aber der Disponent musste über 1000 DM für den Restwert abdrücken. Fazit: Wenn man als Disponent sonst gerne „die ganz große Schnauze“ hat, aber noch nicht mal selbst richtig LKW fahren kann, sollte man vielleicht generell die Fahrqualitäten seiner Fahrer besser zu würdigen wissen. Sie können sich vorstellen, dass er wegen dieses Zwischenfalls eine ganze Weile zum Gespött in der Firma wurde! Aber das auch wirklich zu Recht!
 

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