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Wenn Sie schon immer wissen wollten, was wirklich alles in einer Spedition abgeht...

3.5. Bier- und Getränke-Transport

Ein wahres Speditionsportrait nach eigenen Erfahrungen von Peter J. Müller

Jetzt werden Sie sicher lachen! Aber durch meine Springer-Tätigkeit war ich immer wieder auch einmal für einige Zeit als Vertretung einer von den zwei regulären „Bierkutschern“! Und das sogar für eine weltbekannte Brauerei in München. Vom Zentrum der Stadt, wo man in der Brauerei Flaschen, Dosen und sogar manchmal Fässer laden musste, ging die Lieferung dann jeweils zu Depots bei Augsburg und Ingolstadt. Da ich hier schon fast im Werksverkehr tätig war, hatte ich wenigstens das Glück, meist nicht mit den anderen vielen fremden LKWs anstehen und warten zu müssen. Ich konnte mich vielmehr ganz legal weiter vorne anstellen. Auch war es, was sonst anderweitig keine Selbstverständlichkeit war, oft möglich, in Ruhe in der relativ preiswerten und hervorragenden betriebseigenen Kantine Brotzeit zu machen. Aber natürlich ohne ein Bier zu trinken! Fernfahrer und Alkohol: das passt während der Arbeitszeit aber schon gar nicht zusammen!

Sofern die Biertransporte mit den dafür vorgesehenen und auch eingerichteten LKWs von statten gingen, kam man bei der Fahrt mit dem so genannten „Vollgut“ vom Gewicht her noch so ganz haarscharf hin. Wobei aber wohl doch meistens das Gesamtgewicht bei durchaus etwas über 40 Tonnen gelegen haben dürfte. Für das Be- und Entladen waren die großen seitlichen Klappen, die nach oben unten schwenkten, recht praktisch und zeitsparend. Insofern ich diese Fuhren aber mit einem regulären Wechselbrückenzug machen musste, konnte man sicher sein, dass man beim Vollgut-Transport bei immerhin über 42 Tonnen Gesamtgewicht lag!

Der ältere der beiden Bierzüge war noch ein Mercedes 1625 mit 5-Gang-Schaltung, wie ich mich zu erinnern glaube. Und das ohne eine Möglichkeit, die Gänge zu splitten! Sie dürfen mir glauben, dass gerade im Hinblick auf ein Gesamtgewicht von rund 40 Tonnen das schon an leichten Steigungen mehr als grausam war, mit diesem „Seelenverkäufer“ unterwegs zu sein. Dann schlich ich an solchen Stellen, z.B. auf der Autobahn A 8 zwischen Augsburg und München, mit manchmal weniger als 30 km/h hinauf! Seinerzeit gab es noch kein durchgängiges Überholverbot für tagsüber, aber eben doch nicht immer eine sofortige Überholmöglichkeit für die schnelleren Kollegen. Und da bekam ich manchmal über Funk mit, dass die Fahrer von LKWs ein Stück weiter hinter mir schon mutmaßten, ob vorne etwa mal wieder ein langsamer Rumäne oder Bulgare unterwegs war…

Bei den beiden Depots, die üblicherweise von München aus angesteuert wurden, konnte und vor allem wollte ich nicht denselben „Service“ bieten wie meine beiden anderen Kollegen, die üblicherweise die Touren fuhren. Die hatten sich nämlich immer einspannen lassen, selbst mit dem Stapler das Vollgut zu entladen und dann den LKW mit dem Leergut zu beladen. Ich war ja – zum Glück – nicht im Besitz des Staplerscheins, so dass ich zu Recht mich auf den Standpunkt stellen konnte, dass das also nicht meine Aufgabe war. Zähneknirschend wurde es dann doch von Leuten des Depots gemacht. „Leider“ konnten die mich nämlich nicht irgend-wie länger mutwillig warten lassen, weil sie genau wussten, dass ich noch mehrere Fuhren zu machen hatte! Sonst hätten sie mit der Münchner Zentrale Schwierigkeiten bekommen…

Einen Gefallen tat ich zur entsprechenden Saison wenigstens den Münchnern schon: und zwar besorgte ich ihnen in der Nähe der Autobahn, wenn ich von Ingolstadt kam, immer frischen Spargel. Die weitere Gegend um Schrobenhausen ist ja recht bekannt für hervorragende Qualität und so kostete dieser von mir besorgte Spargel ja auch noch deutlich weniger als etwa beim Münchner Viktualienmarkt. Diese kleine Gefälligkeit wurde dann in aller Regel auch ordentlich honoriert und ich bekam z.B. einen Gutschein für einen ganzen Kasten Bier. Und den konnte ich ja gleich in der Brauerei einlösen.

In seltenen Fällen, wenn auf dem Verladehof beim Aufladen eine Palette mit Dosenbier umfiel, konnte man sich hier ebenfalls kostenlos eindecken. Denn so eine Palette wurde mit den Dosen nicht mehr aufgebaut, weil das zu unrentabel und unsicher gewesen wäre. Also wurden normalerweise alle Dosen dieser Palette – auch die vielen unbeschädigten! – zusammen ge-schaufelt und wanderten in einen großen Abfallcontainer. Oft kam das ja nicht vor, aber wenn der Verlademeister gut drauf war, ließ er dann jedermann zugreifen. Vernünftig, muss man sagen! Es ist ja eine Schande und eigentlich typisch für die Wohlstandsgesellschaft, wenn man unbeschädigte und einwandfreie Ware einfach wegschmeißt!

Die Stapler jener Brauerei waren ab Mitte der 90er Jahre dann schon recht modern ausgerüstet! Denn eine eingebaute, oft nachgerüstete Elektronik zählte jeden Hub und wie viel Ge-wicht gehoben und befördert worden war. Jeder Staplerfahrer hatte seine eigene Magnetkarte, die das dann aufzeichnete. Und damit wurden am Monatsende auch die persönliche Leistung und das jeweilige Gehalt berechnet.

Insofern ich mit einem regulären Wechselbrückenzug anrückte, bekam man als kleine Entschädigung für den Aufwand des kompletten Auf- und Zumachens meist zwei Flaschen Bier oder Limo geschenkt. Eine gute alte Tradition, die ich bei fast allen Brauereien registrierte, mit denen ich zu tun hatte in meinem Arbeitsleben. Was sonst den Punkt „Trinkgeld“ für Fernfahrer angeht, sollten Sie den entsprechenden Stichpunkt im Kapitel „Der Fahrerjob von A bis Z“ nachlesen! Trotz häufiger schwerer körperlicher Arbeiten ist das leider die ganz große Ausnahme, dass dies honoriert wird! Und das, obwohl man sich dadurch ja meistens eine komplette festangestellte Arbeitskraft spart – weil man ganz einfach alle LKW-Fahrer zu Be- und Entladearbeiten heranzieht und dazu zwingt! Gerade im Fernverkehr steht das im krassen Missverhältnis zu den geltenden Sozialvorschriften und verstößt massiv dagegen! Aber da von behördlicher Seite so gut wie nie mit Konsequenzen zu rechnen ist, sieht man bei Unternehmen keine Notwendigkeit für Änderungen! Auch hier ist definitiv die Politik gefordert!

An dieser Stelle noch rühmend erwähnen muss ich das „Cafe Vollgas“ im Verladehof dieser Münchner Brauerei! Das war natürlich kein Cafe im eigentlichen Sinne, sondern lediglich ein Bürocontainer, in dem unter anderem eine große Kaffeemaschine stand. Der damalige Verantwortliche für die Leergutannahme war der Müller Rudi – eine Seele von einem Menschen! – und der „leitete“ das von ihm so benannte „Cafe Vollgas“. Er gab den Kaffee zum günstigen Preis an die Fahrer weiter und sorgte durchwegs für gute Laune. Bei der üblichen Hektik und dem Gedränge auf diesem Verladehof, wo es nicht selten zu hitzigen Reaktionen von Fahrern und/oder Staplerfahrern kam, war so jemand auch bitter nötig! Irgendeiner kam sogar mal auf die Idee – wohl auch, weil wir ja beide Müller heißen – dass wir ja eigentlich Brüder sein könnten. Und in optischer und sogar interessenmäßiger Hinsicht gab es sogar tatsächlich einige Parallelen…
 

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