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Wenn Sie schon immer wissen wollten, was wirklich alles in einer Spedition abgeht...

3.2. Arbeits- und Tourenabläufe bei Papier

Ein wahres Speditionsportrait nach eigenen Erfahrungen von Peter J. Müller

Und da kommen wir gleich zu einem Zweig der Industrie, der da kein Deut besser ist! Und zwar zu den Papierfabriken! Deren gibt es ja in und im weiteren Umfeld von Augsburg auch mehrere. Da ging es häufig genauso übel und skrupellos zu! Da möchte ich gleich anmerken, dass dies sehr wahrscheinlich für fast alle Unternehmen dieser Art gilt – egal wo! Die nutzten ihre Position der Vergabe von damals noch echt lukrativen Ladungen voll und schamlos aus! Keiner der Fuhrunternehmer wagte es da etwa, auf Einhaltung zulässiger Gesamtgewichte zu pochen! Jeder befürchtete bei dieser Art von Reklamationen, dass er schon bald keine Aufträge mehr bekommen würde…

Ich kann mich da auch noch an eine gewisse und gewissenlose „Dame“ in einer jener Papierfabriken erinnern, die genau an der entscheidenden Stelle für die Auftragsvergabe an die Speditionen saß. Die ließ sich vor allem zu Weihnachten von den Fuhrunternehmern in geradezu beschämender Weise hofieren und mit Geschenken eindecken! Die wusste genau um ihre Möglichkeiten und drückte mit schöner Regelmäßigkeit den Fahrern überschwere Ladungen aufs Auge.

Mehr als einmal riskierte ich dort meinen Job, weil ich mich bei Zuladungen über 26 Tonnen Gewicht querlegte und mich weigerte, den dann heftig überladenen LKW noch zu fahren. Mein lieber Disponent hatte es gerade dann immer so schön drauf, am Telefon gefährlich bedeutungsvoll zu klingen… Was mich aber nie beeindruckte und irgendwie war es dann komischerweise immer doch noch möglich, mit „nur“ 24 Tonnen Ladung raus zu fahren. Was ja auch schon ein Gesamtgewicht von um die 42 Tonnen bedeuten konnte! Das dauerte auch einige Zeit, bis ich mich daran „gewöhnte“, mit solchen Überladungen zu fahren.

Eine weitere Dreistigkeit bestand darin, dass man erst einmal stundenlang warten durfte, bis man gnädig an die Ladetore fahren durfte. Die eigentliche Beladung ging dann meist relativ flott über die Bühne. Es sei denn, in dem hochmodernen und computergesteuerten Lagersystem hatte sich eine der tonnenschweren Rollen verklemmt oder aus der Produktion fehlte noch eine Papierrolle. Dann konnten weitere lange Stunden vergehen! Trotz kompletter Ausstattung mit Computern auch im Bürobereich war es auch fast schon Alltag, dass man auf die Frachtpapiere und Lieferscheine oft länger wartete, als die Verladung selbst gedauert hatte. Tja – das war schon ein echter Hammer! Von wegen moderne Zeiten…

Aber schon mit dem Abfahren konnte man bereits enorm unter Zeitdruck stehen. Denn im zuständigen Versandbüro kümmerte es keinen Menschen, ob man vielleicht schon mehr als einen halben Tag in dem Werk verbracht oder wann man seinen langen Arbeitstag angefangen hatte. Da hieß es dann mit der Ausgabe der notwendigen Papiere: Termin ist morgen um so und soviel Uhr in der Frühe! Und wehe, man würde sich verspäten! Da konnte man dann schon leicht wieder mit unseligen Diskussionen mit dem Disponenten am Telefon rechnen. Keinen kümmerte es da einen Deut, ob man auch irgendwie seine Ruhezeiten einhalten konnte. Nur der Termin war wichtig! Und in der Spedition hatte man jedes Mal schlicht die Hosen voll, wenn mal was dazwischen kam! Die Furcht vor dem Verlust jener lukrativen Fuhren war halt sehr groß bei allen Speditionen, die hier ihre festen Aufträge bekamen. Ein schönes Beispiel mehr, wie wieder einmal Profitorientiertes Denken über alle anderen eigentlich wichtigen Belange gestellt wird. Wie etwa Gesundheit und Sicherheit des Fahrers und anderer Verkehrsteilnehmer, Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften…

Da fällt mir noch ein, dass einer jener Papierhersteller mal ganz besonders schlau sein und den ganz großen Reibach machen wollte. Das dürfte zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als in den 90er Jahren die offizielle Tarifbindung wegfiel. Da fielen die Beförderungspreise aus mehreren Gründen so richtig in den Keller und viele skrupellose, Auftraggebende Unternehmen nutzten die Gunst der Stunde, gewissermaßen für „einen Apfel und ein Ei“ ihre Fuhren machen zu lassen. Oder bei fehlender „Kooperation“ des Spediteurs damit zu drohen, dass es künftig wohl nichts mehr zu fahren geben würde. Hier boten sich also (vorübergehend) geradezu sagenhafte Einsparungen bei den Beförderungsentgelten an – und andererseits erhöhte man zum selben Zeitpunkt die Papierpreise so heftig, dass binnen kürzester Zeit ein massiver Auftragsrückgang stattfand. Und die eigenen Lager wurden immer voller und platzten zunehmend aus allen Nähten. Nun – und so wurde nichts aus der milchmädchenhaften Rechnung…

In einem gewissen Werk besaßen die Verladearbeiter für lange Jahre sogar den Nerv, jedem Fahrer noch 5 DM als Beladehilfe abzuknöpfen. Dafür wurde immerhin auch eine Quittung ausgestellt, so dass man sicher sein konnte, diesen Betrag wieder von der eigenen Firma zurück zu erhalten. Auf jeden Fall hatten die Verladearbeiter und Staplerfahrer in jenen Zeiten ein hübsches und vor allem steuerfreies Einkommen! Und von ihrem eigenen Grundverdienst her hätten die uns Fahrer sowieso alle auslachen können. Selbst saisonale Aushilfen bekamen in dem Werk fast schon fürstliche Stundenlöhne.

Zum Glück fanden und finden LKW-Verwiegungen unterwegs nur so sehr selten statt, dass man in der Regel davon ausgehen kann, dass man nicht mit seiner Überladung auffliegt. Denn rein optisch ist von außen am LKW diese Überladung praktisch nicht zu erkennen. Die Luftfederung und die robusten Reifen sorgen schon dafür, dass man so vom Anblick des LKWs her nichts merkt…

Auch die Papier verladende Industrie gehört ganz oben auf eine Liste von Firmen, die streng kontrolliert werden sollten. Aber da ist ja im Grunde noch wesentlich mehr im Busch bei diesen Papierfabriken: nicht nur, dass sie gerne LKWs überladen mit Rollenpapier rausschicken! Nein, vom Produktionsprozess her stimmt es auch schon im Vorfeld hinten und vorne nicht: Scharen von LKWs liefern ja für die Papierproduktion entweder Holzstämme, Holzschnitzel, Kaolin, Altpapier, usw. an. Und sehr viele dieser Fahrzeuge sind ja auch schon häufig deutlich überladen – also im Bereich von über 42 Tonnen Gesamtgewicht!

Eigentlich sollte das, weil das ja schon seit langen Jahren so Usus ist, den Behörden bekannt sein und sie dagegen auch einschreiten! Aber? Es passiert seltsamerweise nichts! Man beschränkt sich darauf, so gelegentlich mal zwar die Fahrzeuge zu kontrollieren und dann ggf. den Fahrern eine ordentliche Geldbuße oder sogar Punkte zu verpassen – aber den wahren Übeltätern, den Versendern und Empfängern, sowie den ebenfalls antreibenden und anschaffenden Fuhrunternehmern, geht es nicht an den Kragen! Ist doch schon eigenartig – oder?! Warum herrscht hier so wenig Interesse der Behörden? Sollten solche großen Arbeitgeber wie z.B. Papierfabriken tatsächlich eine so große Macht und Einfluss besitzen, dass sich niemand traut oder Interesse hat, diese ungeheuerlichen Zustände zu beseitigen…

Was mir damals auch aufgefallen ist: sofern das Papier durch Österreich transportiert werden musste, also etwa nach Italien, war es sehr gut und unproblematisch möglich, den LKWs dann nur die eigentlich auch tatsächlich zulässigen rund 21 bis 23 Tonnen (je nach LKW-Typ) aufzuladen! Man wusste ja genau, dass es an der österreichischen Grenze sehr wahrscheinlich war, dass eine Verwiegung stattfand. Und bei Überladung waren die Österreicher - berechtigterweise! – schon immer sehr rigoros! Da wurde nämlich die Weiter- oder Durchfahrt glatt verweigert, bis das Übergewicht abgeladen war… Und seltsam, seltsam: da kann mal also plötzlich doch gesetzlich zulässige Mengen versenden! Nur beim Versand innerhalb Deutschlands und bei anderen EU-Ländern, da kümmert man sich keinen Pfifferling um geltende Gesetze!

Zum Thema Ladungssicherung ist noch zu sagen, dass es in den 90er Jahren noch ein konsequenzenreiches Haus- und Hofverbot bedeutet hätte bei wenigstens einer dieser Papierfabriken, wenn ich es gewagt hätte, zur Sicherung der tonnenschweren Papierrollen Sicherungsgurte zu benutzen. Das war seinerzeit noch strengstens verboten! Und heute, seitdem vom Gesetzgeber selbst strengste Auflagen und Vorschriften eingeführt worden sind in dieser Richtung? Da hat es sich genau ins Gegenteil verkehrt! Da würde man ein Haus- und Hofverbot riskieren, wenn man eben keine Gurte benutzen würde!
 

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