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Wenn Sie schon immer wissen wollten, was wirklich alles in einer Spedition abgeht...

4. Die Kollegen

Ein wahres Speditionsportrait nach eigenen Erfahrungen von Peter J. Müller

Da war gewissermaßen das ganze denkbare Spektrum geboten! Allerdings muss ich zugeben, dass man mit den meisten gut auskommen konnte und durchaus eine gewisse Kollegialität unter den Fahrern gegeben war.

Natürlich konnte man nicht jedem alles erzählen, denn einige wenige der Kollegen versuchten immer wieder ihre Position zu verbessern, indem sie sich im Büro beim Disponenten oder etwa dem Chef wichtig machten und Kollegen anschwärzten. Ich bekam allerdings einige Male mit, wie eben genau im Büro über diese Herren wirklich gedacht wurde und dass man sie für eher nützliche Idioten hielt, über die man hinter vorgehaltener Hand sich amüsierte…

Überhaupt gehörte das ja auch zu den bewusst praktizierten Strategien des Disponenten und vom Chef, dass man alles dafür tat, dass ja nur keine Einigkeit und Frieden zwischen den Fahrern herrschte. Mit dem Druck und dem teilweise recht miesen Klima, das man dadurch erzeugte, konnte man ja bequem und häufig erfolgreich das Touren- und Leistungspensum nach oben schrauben. Und das ohne, dass dies die Spedition mehr gekostet hätte – denn Leistungsprämien gab es ja nicht und bezahlt wurde nur für alle derselbe Pauschallohn. Eigentlich kaum zu glauben, dass nur so wenige Fahrer überhaupt diese fast überall praktizierten fiesen Methoden durchschauen!

Und genau diese „lieben“ Kollegen, die für höheren Leistungs- und Arbeitsdruck sorgten durch ihr schlichtweg hirnloses und schleimiges Verhalten, jammerten dann über kurz oder lang außerhalb der Firma über die viele und immer mehr werdende Arbeit… Soll man über solche Leute, die einem selbst auch vermehrt Probleme in der Spedition bescheren, dann vielleicht auch noch Tränen des Mitleids vergießen? Sicher nicht!

Ein in den ersten Jahren seiner Betriebszugehörigkeit noch sehr überengagierter Kollege – der sonst eigentlich „nicht ohne“ und ein netter und hilfsbereiter Typ war – lieferte etwa ein hübsches Beispiel dafür, wie man etwa eine Tour „kaputt fahren“ kann. Damit meine ich, dass ein bestimmter Tourenablauf, der vorher eigentlich vernünftig geplant war und durchgeführt wurde, durch diesen Fahrer systematisch und eben unvernünftig verkürzt wurde – mit sogar der üblen Auswirkung, dass ein anderer Kollege, der sonst regelmäßig diese Tour gefahren hatte, selbst kündigte, weil er den neuen Ablauf für unerträglich hielt.

Sie können sich das Ganze etwa so vorstellen: Ursprünglich lud man mit dem Hängerzug, der auch als Kipperzug ausgelegt war, am Donnerstagvormittag südlich von Augsburg Papierrollen. Diese waren für eine Druckerei in Chemnitz bestimmt. Bequem konnte man am Abend desselben Tages dann noch diesen Ort erreichen und eine vorgeschriebene Pause machen. Wenn man „Glück“ hatte, war man für den ersten Entladetermin gegen 4 Uhr früh am Freitagmorgen avisiert und konnte dann beizeiten und zu einer relativ günstigen Zeit, was die Verkehrslage anging, weiter über Dresden nach Königswartha fahren. Dort an der Ladestelle musste man dann den gesamten Zug aufplanen – was mit dem „Edscha“-Schiebeverdeck natürlich keine große Arbeit war. Dann wurde aus einem Silo Kaolin auf die Ladeflächen befördert. Ein weißes Material, das zur Papierherstellung sehr wichtig ist. Anschließend konnte man bei halbwegs passabler Verkehrslage im Rahmen der gesetzlich möglichen Maximal-Tageslenkzeit von zehn Stunden nach Hause auf den Betriebshof fahren. Den erreichte man halt am späten Abend und dann war erst einmal Wochenende angesagt. Angeliefert und abgekippt werden musste das Material bei der Papierfabrik in Augsburg dann erst am Montagmorgen um 8 Uhr. Soweit war also diese Tour ursprünglich geplant und so wurde sie auch passabel durchgeführt.

Als der bewusste leicht überengagierte Kollege zunehmend stellvertretend diese Tour bekam, fing dieser (von sich aus!) an, dieses Kaolin nicht erst am Montag, sondern schon Samstagfrüh abzukippen. Der Pförtner war dort offensichtlich gerne gegen ein kleines Trinkgeld be-reit, den LKW auf das Gelände zu lassen. Und der Spedition war das ja gerade recht, wenn der Lastwagen noch zum Wochenende leer wurde. So konnte man am Montag noch eher wieder Ladung aufnehmen. Mir persönlich war das sehr schleierhaft, warum sich der Kollege zu so etwas hergab – nur zu offensichtlich wurde die in dieser Spedition relativ unübliche Samstagsarbeit fast nie bezahlt! Also was – außer zweifelhaften „Pluspunkten“ – brachte das wirklich diesem Kollegen?! Sofern ich auf diese Tour eingeteilt war, weigerte ich mich standhaft und erfolgreich, für das Abladen am Samstag eingespannt zu werden – und zwar ohne dass dies für mich Konsequenzen bedeutet hätte!

Einige Zeit später bekam ich dann noch die verschärfte Variante dieser Tour mit: zufällig war es am Freitag sehr gut gelaufen in Königswartha und dann auf dem Rückweg noch in Ost-Deutschland. Wie üblich, machte ich nach 4,5 Stunden Lenkzeit die vorgeschriebene Pause. Als diese gerade zu Ende ging, klingelte unerwartet das Telefon. Allein das kam mir schon seltsam und verdächtig vor! Normalerweise hatte man bei dieser Tour nie mit einem Anruf aus der Spedition zu rechnen. Es sollte sich herausstellen, dass mein Herr Disponent wissen wollte, wie weit ich schon auf der Heimfahrt gekommen sei. Ich beschloss, vorsichtig zu sein, und behauptete, dass ich jetzt erst meine vorgeschriebene Lenkzeitunterbrechung machen müsste. Dann folgte die Frage, wann ich in Augsburg sein würde. Ich stellte die Gegenfrage, warum dies von Bedeutung sei. Und da musste ich mir doch tatsächlich anhören, dass plötzlich erwartet wurde, dass ich noch am selben Abend abkippen sollte! Da hörte sich doch alles auf! Man konnte ja schon von Glück sprechen, wenn man bei dieser Tour am Freitag mit den maximal erlaubten zehn Stunden Lenkzeit zu Recht kam und dann hatte man ja auch schon eine Arbeitsschicht von rund 16 Stunden zusammen. Und jetzt sollte man auch noch am selben Tag abkippen – mit der Aussicht, dass man dann wenigstens 18 Stunden Schicht zusammen brachte! Nicht mit mir…

Erwartungsgemäß reagierte der Disponent gereizt und stellte einmal mehr die kühne und tatsächlich voll verlogenen Behauptung auf: „Alle anderen schaffen das – nur DU nicht!“ Ich konterte gelassen: „Erstens bin ich nicht „Alle anderen“ und zweitens handelt es sich tatsächlich nur um einen bewussten Kollegen, der das mit sich machen lässt!“ Daraufhin fiel ihm nicht mehr viel ein und er „drohte“ an, später noch einmal anzurufen. Das machte er allerdings nicht, sondern vielmehr rief mich der Chef persönlich an. Aber auch von dem ließ ich mir nichts bieten oder androhen – und so mussten sie meine Entscheidung respektieren.

Aber natürlich war solcher Widerstand gegen unnötige Überschreitung von Vorschriften und Bestimmungen immer eine gewagte Sache! Man wusste nie wirklich, ob einem nach so einer Weigerung Schikanen oder andere Konsequenzen drohten…

Der Kollege, der die geschilderte Tour von Anfang an unter normalen Bedingungen gefahren hatte und der unter dem Druck, den ihm der leicht überengagierte Fahrer beschert hatte, zu-nehmend litt, zog für sich die Konsequenz, dass er schließlich kündigte! Und so was ist ja schon recht heftig!

Aber der Witz am Rande: genau dieser leicht überengagierte Kollege, der selbst zu jenen gehörte, die am Pensum nach oben schraubten, war auch genau einer von der Sorte, dass er sich außerhalb der Firma massiv bei seinen Kollegen über den zunehmen unerträglich hohen Arbeitsdruck beschwerte! Da kann man nur sagen: „Blöd gelaufen!“ Hätten er und die paar anderen Konsorten sich vorher überlegt, was sie anrichten, hätten auch sie ein leichteres Arbeits-leben haben können… Und von der Sorte finden Sie fast in jedem Fuhrunternehmen welche… Traurig, aber wahr!

Wie schon vorher einmal erwähnt in diesem Artikel, waren auch die jungen Kollegen so ein Thema für sich – teilweise könnte man die Erlebnisse mit ihnen einteilen unter dem Stichwort „Freud und Leid“:

Einer etwa fing in der Spedition als wirklich blutiger Anfänger an und bildete sich gleich ein, unbedingt in der „Königsklasse“ anzufangen – auf einem Wechselbrücken-Hängerzug! Letztendlich besser wäre es für ihn gewesen, wenn er (was in dieser Firma selbst aber gar nicht möglich gewesen wäre!) erst einmal kleine Brötchen gebacken und auf einem kleineren LKW angefangen hätte. Denn mit diesem für ihn ungewohnten und großen Fahrzeug, dessen sichere Bedienung schon ein erhebliches Maß an Erfahrung benötigt, war er – wie sich schon bald herausstellen sollte – schlichtweg überfordert. Eigentlich auch unverständlich, warum der Chef so einem Mann ein noch dazu fast neuwertiges Fahrzeug anvertraute! Es dauerte nämlich nicht lange und das Fahrzeug wies von vorne bis hinten immer mehr Beschädigungen auf. Und die größten Schwierigkeiten taten sich fast erwartungsgemäß beim Umbrücken auf. Der junge Kollege konnte natürlich in dem einen Zentrallager für Baustoffe, wo wir bis zu dreimal an einem Tag die Wechselbrücken tauschen mussten, nicht so flott die Brücken wechseln. Teilweise benötigte er bis zu einer Stunde dafür – was bei uns routinierten Fahrern in durchschnittlich 20 Minuten erledigt war. Also kam er häufig dabei in Verzug und Zeitdruck. Na-türlich hatten wir Verständnis für ihn und halfen ihm immer wieder – aber da kam vor allem für ihn selbst kein Gefühl der Zufriedenheit auf. Denn diese Verzögerungen führten regelmäßig zu unseligen Diskussionen entweder mit dem Disponenten oder der Versandleitung des Zentrallagers. Und so sollte es tatsächlich nur rund 14 Wochen dauern, bis er selbst entnervt das Handtuch warf. Und das war wirklich schade, dass ein junger Kollege, der so engagiert und idealistisch seinen Job angefangen hatte, deswegen relativ früh an sich selbst scheiterte, weil er zu schnell zu viel wollte. Ich selbst musste, obwohl mir das zu Beginn meiner „Fahrerkarriere“ überhaupt nicht passte, auch mal klein auf einem „popeligen“ Siebeneinhalb-Tonner anfangen – und nicht etwa auf einem ausgewachsenen 40-Tonner. Und geschadet hat es mir nicht, sondern war vielmehr vernünftiger.

Ein weiterer junger Kollege, der wegen kleinerer vorgekommener Fahrfehler schon bei etlichen Kollegen gewissermaßen seinen Ruf weg hatte, machte einmal den – so lächerlich das auch klingen mag – kapitalen Fehler, seine Mutter mitzunehmen auf eine Tour. Leider wurde dabei beobachtet, dass seine Mutter den Straßenatlas auf ihren Knien hatte (wie das ja sonst mit schöner Regelmäßigkeit bei Urlaubern zu beobachten ist…). Und prompt hieß es dann voreingenommener- und hämischerweise, dass er wohl seine Mutti zum Kartenlesen mitnehmen müsste, weil er sonst auch nicht mehr nach Hause finden würde… Ja – nicht nur Kinder können grausam sein, sondern auch die „lieben“ Kollegen! Verständlich, dass der junge Mann es nicht zu lange in der Spedition aushielt bei solchen miesen Anfeindungen. Aber irgendwo gibt es ja eine höhere Gerechtigkeit: in seiner nachfolgenden Firma kam er dann tatsächlich als „die große Nummer“ raus und erwarb sich dort einen Ruf als hervorragender und zuverlässiger Fahrer! So kann es auch gehen…

Ich selbst bekam auf eine Tour auch einmal einen jungen und noch unerfahrenen Fahrer – eine vorübergehende Aushilfe - mit, der sich aber recht geschickt anstellte. Aber der sollte unerwartet auch noch seine Portion an „Schicksalsschlag“ mitbekommen! Und das kam so:

Ich bekam ihn auf eine 2-Tages-Tour nach Cottbus mit. Dort mussten wir morgens bei einer Druckerei Papierrollen abladen. Unmittelbar vor uns hatte noch ein weiterer Kollege aus unserer Spedition abgeladen. Da es zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich war, dass es aus der Gegend keine Rückladung in Richtung Augsburg geben würde und wir daher leer nach Hause fuhren, beschloss dieser Kollege auf uns zu warten. Sowohl erst sein Anruf, als nachher auch unser Anruf beim Disponenten ergab, dass wir leer in Richtung Heimat ziehen soll-ten. Von Cottbus weg ließ ich wieder meinen jungen Mitfahrer ans Steuer. Voran fuhr der andere LKW unseres Kollegen. Über das Funkgerät hielten wir Kontakt miteinander. Kurioserweise war es schon von der Abfahrt aus Cottbus weg ein Thema, dass der andere Kollege meinen Beifahrer, der ja momentan am Steuer saß, immer wieder dazu verleiten wollte, schneller als Tempo 70 auf der Bundesstraße und wenigstens Tempo 90 auf der Autobahn zu fahren. Ich schärfte daher dem jungen Kollegen ein, immer nur das zu machen beim Fahren, was er auch selber verantworten könne. Und sich nicht etwa durch jemand anderen zu Übertretungen verleiten zu lassen. Denn von dem anderen, uns voraus fahrenden Fahrer wusste ich ja, dass dieser ein großes Schlitzohr war, der immer gerne so seine kleine Spielchen und Schelmereien mit anderen trieb. Da ich ein gutes Gefühl hatte beim Fahrstil meines Beifahrers, entschied ich mich dafür, hinten in der Koje ein wenig „Augenpflege“ zu betreiben. Ich schlief soweit recht gut und tief, bis ich durch lautes Jammern wach wurde: „Oje – jetzt haben Sie mich! Hätte ich mich nur nicht verführen lassen! Das wird teuer…!“ Ich fragte, was los sei und setzte mich wieder auf den Beifahrersitz. Und da sah ich schon, was Sache war: wir mussten einem Polizeifahrzeug auf den Parkplatz folgen. Auf der Strecke zwischen Chemnitz und Hof war mein junger Kollege offensichtlich recht flott hinter unserem anderen Fahrer hinterher gefahren und hatte schließlich an einer Steigung ein dort geltendes LKW-Überholverbot missachtet. Der andere Fahrer hatte den Überholvorgang scheinbar noch vor Beginn des Überholverbots geschafft und war schon lange außer Sichtweite. Die Polizeikontrolle ging flott über die Bühne und der Übeltäter musste eine ordentliche Strafe abdrücken. Ein Punkt in Flensburg war selbstredend ebenfalls fällig. Mein junger Kollege hatte im Überholverbot überholt, ohne zu registrieren, dass schon das zweite oder dritte Fahrzeug hinter ihm ein Polizeifahrzeug war. Das war eben so ein Punkt, den er auch erst noch lernen musste: viel mit den Rückspiegeln arbeiten. Vor allem, wenn man etwas tun möchte, was nicht ganz koscher ist. Mein Beifahrer war völlig geknickt und seufzte, dass es mit seiner großen „Trucker-Karriere“ wohl nun vorbei sein würde… Er war so niedergeschlagen, dass es auf der Weiterfahrt nicht mehr möglich war, ihn aufzumuntern. Nach dieser Kontrolle war ohnehin ein Fahrerwechsel fällig und so fuhr ich weiter. Am nächstfolgenden Parkplatz erwartete uns bereits der andere Kollege. Er als der eigentliche Übeltäter und Verführer machte sich natürlich recht lustig über das Malheur von meinem Beifahrer. Als der junge Kollege seine Aushilfstätigkeit beendete, fand ich einen kleinen Brief von ihm in meinem Fach in der Spedition. Darin teilte er mir mit, dass er bezüglich des Fahrerjobs wieder neuen Mut geschöpft hätte – und nun sicher sei, dass doch noch eine „glorreiche Trucker-Karriere“ ihm bevorstehen wür-de…

Jetzt sollten Sie aber nicht unbedingt glauben, dass im wahrsten Sinne des Wortes „erfahrene“ Fahrer frei von der Möglichkeit sind, dass auch ihnen ein Malheur oder eine Unachtsamkeit passieren könnte. Auch hier gab es wenigstens ein Beispiel in dieser Spedition. Konkret geht es um das heikle Thema, wenn einer vergisst die Feststellbremse zu betätigen, wenn er das Fahrzeug abstellt. Genau das passierte einem älteren Kollegen, als er sich kurz in einer Tank-stelle etwas holen wollte. Als er zurückkam, hatte sich sein LKW schon von alleine „aus dem Staub“ gemacht. Zum Glück kam niemand zu Schaden und der LKW an einem Gebüsch zu stehen – auch nur mit leichten Beschädigungen an einer Seite des Führerhauses. Später bekam ich noch einige Male mit, dass dieses Versehen scheinbar eher ein Problem sonst routinierter Fahrer zu sein scheint. Und ich persönlich habe durchaus immer einen ganz speziellen Blick nochmals zum Feststellbremshebel, bevor ich das Fahrerhaus absperre! Vieles – wie das Betätigen der Feststellbremse beim Anhalten und Abstellen des LKWs - macht man zwar ganz automatisch und aus der Routine heraus, aber wer ist schon davor sicher, dass ihm nicht einmal selbst eine Unachtsamkeit passiert. Möglichkeiten dafür gibt es ja prinzipiell mehr als einem lieb sein kann!

In meinen weiteren Ausführungen zum Themenbereich der „Kollegen“ zeige ich jetzt noch auf, dass man auch hier (bei knapp über 30 Fahrern) von einem echten Individualisten-Club sprechen konnte – an „Persönlichkeiten und Typen“ war echt fast alles geboten:

- einer war ein absoluter und schon fast krankhafter Sauberkeitsfanatiker. Der hielt vor allem sein Führerhaus so super-sauber, dass man schier vom Boden sogar hinter dem Fahrersitz hätte essen können. Üblicherweise ist das nämlich eine Stelle, an der es sonst eher recht staubig und dreckig zugeht. Meinem Disponenten machte es zweimal besonderen Spaß, mich als Springer auf dieses Fahrzeug zu setzen, weil er wusste, dass das für mich extra viel Arbeit bedeuten würde, das Innere des Fahrerhauses vor der Übergabe in den ganz besonderen Sauberkeitsstand zu bringen. In beiden Fällen ließ ich mir übrigens den picobello Übergabezustand anschließend noch vom Werkstattmeister bestätigen – hätte nämlich durchaus sein können, dass wiederum mir einer danach noch einen Streich gespielt hätte, bevor der pingelige Kollege in der Folgewoche sein Fahrzeug wieder übernahm…

- üble und miese Streiche sind übrigens auch wenigstens zweimal vorgekommen: da wurde dann beim abgestellten Hängerzug heimlich die Anhängerkupplung aufgemacht. Mit der Folge, dass dann später beim Anfahren (die jeweiligen Fahrer hatten diese Manipulation vor der Abfahrt nicht bemerkt) die Schläuche und Kabel abrissen oder beschädigt wurden! Eigentlich sollte man es wirklich nicht glauben, dass solche Schweinereien unter „Kollegen“ vorkommen können…

- sonderbar auch das Verhalten eines weiteren Kollegen: vor meinen Augen packte er „sein bestes Stück“ aus und pinkelte an das Fahrerhaus eines Kollegen, den er nicht so gut leiden konnte…

- einen anderen hätte man zur Kategorie „Maulhuren und Angeber“ einordnen können. Der hatte auf den Windabweiser seines LKW oben auf dem Fahrerhaus mit großen Lettern das Wort „Power-Schiff“ gepinselt – übrigens mit Genehmigung des Chefs. Mir und anderen gegenüber behauptete er allen Ernstes, dass er privat zuhause den Motor seines Lastwagens getunt und leistungsfähiger gemacht hätte… Er wurde nicht einmal rot bei diesen Aufschneidereien!

- natürlich gab es in unseren Reihen auch „echte Trucker“: einer fuhr den einzigen Scania-Hauber und hatte für etliche Tausend Mark Chromzubehör für das Fahrzeug gekauft! Das fiel aber erst da richtig auf, als er gekündigt hatte und der ganze Schnickschnack plötzlich weggebaut war. Ein anderer dagegen, der es aber nur sehr kurz bei uns machte und der zu Beginn auch die ganz große Klappe hatte, was er schon in Sachen Fernfahrerei für Heldentaten und Wahnsinnstouren vollbracht haben wollte, lieferte ein hübsches Beispiel für seine wahren Kenntnisse: entgegen der geltenden Vorschriften tankte er eine Fahrstunde vor dem Betriebshof noch an einer Autobahntankstelle seinen LKW ganz auf. Eigentlich sollte man das, weil es die Spedition wesentlich günstiger kam, bei der betriebseigenen Tankstelle machen. Aber bei dieser Gelegenheit setzte er eben gleich noch einen drauf: statt Diesel tankte dieser „Trucker“ sage und schreibe 400 Liter Superbenzin!!! Da fällt einem doch gar nichts mehr ein, wie jemand so etwas fertig bringen kann. Durch diese heldenhafte und oberschlaue Aktion waren natürlich noch erhebliche Folgekosten fällig (den Sprit abpumpen usw.!).

- einer der vermeintlichen Lieblinge des Chefs (der Kollege hielt sich selbst dafür, weil er keine Schleimerei ausließ) hatte einmal sogar die gewissenlose Dreistigkeit, einen Fahrer aus einer ganz anderen Spedition beinahe um seinen Arbeitsplatz zu bringen! Bei jeder Gelegenheit, wo er den Lastzug dieses Fahrers aus der anderen Firma stehen sah, rief er sofort bei dessen Chef an und vermeldete den Standort. Diese Story erzählte mir übrigens der angeschmierte Fahrer selbst, als ich ihn bei einer Entladestelle in Regensburg traf und dieser mir kollegialerweise zur Hand ging. Ich fand das äußerst bemerkenswert, dass er mir half, obwohl ein anderer Fahrer aus meiner Spedition ihm große Probleme eingebrockt hatte – und die ihn beinahe seinen Arbeitsplatz gekostet hätten. Wobei ich mir allerdings auch denken musste, dass der Mann selbst wohl auch einen recht seltsamen Chef hatte…

- eine spezielle Sorte unter den Kollegen war die so genannte „Bierautomat-Fraktion“. Bei diesen Herren musste man auch sehr vorsichtig sein, was man erzählte. In der Werkstatthalle gab es neben den Fahrer- und LKW-Papierfächern auch einen Bierautomat. Und am Feierabend – vor allem am Freitagabend – konnte man mit schöner Regelmäßigkeit vor allem diese paar Herren antreffen. In meinen Augen auch scheinbar „Heimatlose“. Was kann einen denn wirklich noch in der Firma bei den „Kollegen“ halten nach mehreren Tagen unterwegs und einem langen Arbeitstag?! Ein schönes Zuhause und die Frau oder Freundin sind doch wesentlich verlockender! Was also diese besagten Herren angeht, so war doch immer wieder bemerkenswert, mit welch „gespaltener Zunge“ sie zu sprechen wussten: von ihren Sprüchen am Bierautomat in der Firma hätte man glauben können, dass sie 150-prozentige Mitarbeiter waren – alles schien super und in Ordnung zu sein in dem Fuhrunternehmen. Traf man aber dieselben Kollegen irgendwo außerhalb, dann waren sie wie ausgewechselt, klopften ganz andere Sprüche und beklagten sich plötzlich über allerlei Missstände im Betrieb!
Dieses gemütliche Zusammentreffen am Automat sollte allerdings eines Tages doch für eine ganze Weile eine empfindliche Störung erfahren: nämlich da, als binnen weniger Wochen drei von diesen Fahrern nach ihrem alkoholseligen Beisammensein auf der Heimfahrt im Pkw in Polizeikontrollen gerieten und jeweils für einen Monat ihren Schein abgeben mussten! Das gefiel dem Chef natürlich überhaupt nicht, dass so unerwartet und auf so blöde Weise einige Fahrer ausfielen – also wurde ein absolutes Alkoholverbot im Betrieb ausgesprochen. Allerdings nicht sehr konsequent oder etwa nachhaltig: kaum zwei Monate nach diesen Vorkommnissen wies der Automat bereits wieder die beliebte Füllung auf…

- der Großteil der Fahrerschaft (30 von 33 Fahrern) wurde mit Abmahnungen bedacht, als in den frühen 90er Jahren das Telefon Einzug hielt in die Fahrerhäuser. Vorerst waren diese nämlich völlig frei zu benutzen und irgendwo hatten die meisten wohl keine Vorstellung von den entstehenden Gesprächskosten. Seinerzeit waren Handys für „Otto Normalverbraucher“ noch kein wirkliches Thema, weil ganz einfach noch zu unerschwinglich. Also diese 30 Kol-legen – ich und zwei andere konnten der Versuchung widerstehen! – nutzten begeistert privat diese neue Möglichkeit. Der Spitzenreiter unter ihnen brachte aus dem Stegreif in den ersten Wochen gleich eine Rechnung von weit über 1000 DM zusammen, weil er sogar seine Verwandtschaft in den Vereinigten Staaten über diese neue technische Errungenschaft auf diesem Wege unterrichten wollte. Als die ersten Telefonabrechnungen in der Spedition eintrafen, fiel man aus allen Wolken und es hagelte eben Abmahnungen. Offensichtlich hatten auch einige der Fahrer gedacht, dass die Firma für ihre Privatgespräche aufkommen würde und vielleicht auch nicht daran gedacht, dass es zu jedem Telefon eine Einzel-Gesprächskostenauflistung geben könnte. Ab da waren die Telefone natürlich für privaten Gebrauch gesperrt. Die Abmahnungen wurden übrigens nach kurzer Zeit wieder zurück genommen – sie sollten wohl ein deutlicher Warnschuss sein, dass man die Sache als ernsten Vertrauensbruch ansah.

- abgesehen also von den zuvor erwähnten Kollegen und ihren Eigenheiten kann man aber durchaus von der breiten Mehrheit sagen, dass sie auch nur einfach in Ruhe ihren Job machen wollten und durchschnittlich weder in zu positiver, noch zu negativer Hinsicht auffielen. Wie schon erwähnt, konnte man eigentlich fast mit allen relativ gut auskommen.

Aber wie das nun mal so ist – und nicht nur in der Speditionsbranche – galt aber auch in dieser Firma der sehr treffende Spruch (Anmerkung: den habe ich einmal als Kritzelei in der Toilettenanlage eines Stahlwerks gelesen und der hat durchaus so seine Richtigkeit!): „Arbeitskollegen sind Leute, mit denen man privat nichts zu tun haben möchte“. Wobei selbstverständlich auch hier Ausnahmen diese Regel bestätigten – gelegentlichen privaten Umgang pflegte ich mit zwei bis drei der Kollegen.
 

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