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Nicht nur ein heikles Thema, sondern selbst auch
ein heikler und sehr schwieriger Mensch...
Fachlich war der Chef sicher selbst sehr beschlagen, weil er immerhin
sogar – und dies zu einem Zeitpunkt, wo sicher noch nicht viele diese
Qualifikation hatten – ein Kraftverkehrsmeister war. Er hatte also auch
die Befugnis, selbst Berufskraftfahrer auszubilden. Eine Möglichkeit,
die er leider nicht ausschöpfte! So um 1984 war ich ja erstmals auf
diesen Betrieb gestoßen, weil er einer der ganz, ganz wenigen war, die
laut Auskunft des Arbeitsamtes eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer
anzubieten schien. Bei meinem Vorstellungsgespräch seinerzeit kam jedoch
heraus, dass er doch niemand ausbilden wollte.
1991 landete ich dann schließlich doch in diesem Betrieb – wobei ich nie
gedacht hätte, dass ich dort „mein längstes Arbeitsverhältnis in einer
Firma“ haben würde.
Wie es um die wahren charakterlichen Eigenschaften bestellt sein sollte
mit diesem sehr eigenwilligen und tatsächlich eher wahrlich skrupellosen
Unternehmer, fand ich bereits wenige Monate nach Arbeitsantritt heraus.
An einem Wochenende hatte ich tierische Zahnschmerzen. Da es starke
Schmerzmittel allein nicht richteten, suchte ich sogar einen
Not-Zahnarzt auf. Und der ließ mich wissen, dass das Problem nur
wirklich zu lösen war, wenn ich am Montag zu meinem eigenen Zahnarzt
ging. Also rief ich am Sonntagnachmittag bei meinem Chef an und ließ ihn
wissen, dass ich Montagfrüh wegen eines Notfalls zu meinem Zahnarzt
gehen müsste. Meine für den Vormittag vorgesehene Tour würde also jemand
anderes fahren müssen. Bei seiner Reaktion und Antwort auf diese
kurzfristige Krankmeldung glaubte ich erst, nicht richtig hören! Da ließ
er mich doch ganz kühl wissen, dass ich meine Papiere abholen könnte,
wenn ich nicht zum Dienst kommen und der LKW stehen bleiben würde… Meine
Vorhaltungen, dass ich starke Schmerzmittel nehmen müsste, die keine
sichere Teilnahme am Straßenverkehr zulassen würden und dass die
Beseitigung der starken Zahnschmerzen ja wohl Vorrang hätten,
beeindruckten ihn überhaupt nicht! Entweder oder – das blieb seine
Meinung! Mit diesem miesen und gesetzlich nicht zulässigen Druckmittel
versuchte er mich gleich klein zu kriegen – aber ich durchschaute sofort
seine Strategie. Wie von mir angekündigt, nahm ich den dringlichen
Besuch beim Zahnarzt wahr und es musste ein vereiterter Zahn gezogen
werden. In der Mittagszeit rief ich dann in der Spedition an und
erkundigte mich angelegentlich, ob ich noch beschäftigt sei oder der
Chef mich tatsächlich fristlos entlassen hatte. Der Disponent meinte nur
lapidar, dass sich der Chef wieder eingekriegt hätte und ich am nächsten
Tag weiter arbeiten könnte.
Da diese Erpressung bei mir nicht funktioniert hatte, blieb ich
tatsächlich in Zukunft vor weiteren Versuchen dieser Art verschont. Bei
manchen anderen, vor allem jungen Kollegen war er damit und mit
verschiedenen anderen Droh- und Druckmitteln jedoch immer wieder
erfolgreich! Wenn der Chef mit einem besonders dreckigen Grinsen herum
lief und ein Kollege deutlich geknickt und sauer, wusste man immer
genau, dass er wieder einmal mit seinen miesen Methoden durch gekommen
war…
Er selbst war seinen Fahrern übrigens kein leuchtendes Vorbild! Es gab
da immer wieder interessante Gerüchte, dass er sogar schon nächtens
besoffen über den Hof in Richtung seines Anwesens gekrochen sein soll.
Ich selbst erlebte ihn mehr als einmal abends angetrunken. Da war er
dann plötzlich sehr leut- und vor allem redselig! Mir tischte er da zum
Beispiel die Geschichte des Werdegangs seiner Spedition auf.
Ursprünglich hatte sein Vater die Firma in einem anderen Ort gegründet.
Als er sie übernahm, verlegte er den Firmen- und Wohnsitz in eine andere
Ortschaft. Da er in der Gegend soweit fremd war, machte er in der ersten
Zeit mit einem Freund fast schon strategisch alle Ortschaften der
Umgegend „unsicher“, um heraus zu finden, wo es gute Kneipen und
Wirtschaften gab…
Da er offensichtlich ein potentielles Alkoholproblem hatte und immer
wieder angetrunken privat zu nächtlicher Stunde selbst unterwegs war,
verlor er auch mehr als einmal seinen Führerschein. Für ihn als
betuchten Unternehmer natürlich kein wirkliches Problem: da heuerte man
bei Bedarf eben einen älteren Mann aus dem Ort an, der dann den
Chauffeur spielte!
Ein eigener LKW lief übrigens auf Ertrag für die Mutter des Herrn. Den
nannten wir dann den „Austragszug“. Während aber der Disponent aus einer
gewissen Bosheit heraus diesem einen LKW bevorzugt Touren zuteilte, die
nicht soviel Geld abwarfen, war dies immer genau anders, wenn der
Disponent Urlaub hatte und der Chef selbst disponierte.
Alle Fahrer hatten aber nichts zu lachen, wenn eben der Fall eintrat,
dass der Disponent im Urlaub war! Vom Disponieren hatte der Chef selbst
nämlich praktisch keine Ahnung! Eher war er selbst völlig überfordert
und in dieser Zeit ein wahres und unerträgliches Nervenbündel! Das sah
man allein schon an dem riesigen Aschenbecher auf seinem Schreibtisch,
in dem ein wahrer Berg von Kippen die Regel war. Die Touren dauerten im
Schnitt wenigstens einen Tag länger, man stand unterwegs länger untätig
herum und alle paar Minuten sollte man ihn anrufen, ob es vielleicht
schon einen neuen Auftrag gab. Wenn man es sich einrichten konnte, nahm
man also am besten selbst Urlaub, wenn dies auch der Disponent machte!
Unerwähnt bleiben sollen auch nicht die Erfahrungen von zwei Kollegen,
die eigentlich aus der Gegend von Leipzig gebürtig waren. Als es mit der
Filiale im dortigen Gebiet – man hatte einen ehemaligen
Kraftverkehrsbetrieb gekauft – zunehmend aufwärts ging, erkundigten sich
die beiden, die auf einem LKW fuhren, ob sie nicht für diese
Niederlassung fahren könnten. Das wurde ihnen – in vermeintlicher Güte
und Freundlichkeit – sofort zugesagt. Das böse Erwachen kam erst bei der
nächsten Lohnabrechnung, als sie schon einen Monat „im Osten“ gefahren
waren. Da gab es aus heiterem Himmel netto nämlich fast 1.000 DM weniger
Lohn! Als die beiden anriefen, ob es denn einen Fehler bei der
Abrechnung gegeben habe, wurde ihnen nur kühl mitgeteilt, dass sie doch
jetzt ihren Arbeitssitz in den Neuen Bundesländern hätten – und daher
nur noch den dort üblichen Lohn erhielten! Die beiden waren fassungslos!
Hätte man ihnen das vorher gesagt, wären sie wohl in den Alten
Bundesländern offiziell geblieben. Als ich davon hörte, fand ich dieses
miese und linke Verhalten schon dreist. Und ich fühlte mich bei dem
Gedanken, dass Kollegen in derselben Firma, bloß weil sie im „falschen“
Teil der Republik wohnten, für genau dieselbe Arbeit wesentlich weniger
Lohn bekamen, nicht gut. Es erinnerte an so was wie ein
Zwei-Klassen-System in der Art von guter „Wessi“ und schlechter „Ossi“…
Und das in einem – wiedervereinigten – Land!
Da es also auch sonst mit der Menschenführung nicht weit her war,
herrschte durchwegs bei vielen Fahrern eine latente Unzufriedenheit über
ihren Arbeitsplatz. Vom „Hören-Sagen“ her scheint es in der Spedition
Zeiten gegeben zu haben, wo über einen längeren Zeitraum ein ziemlich
fester Fahrerstamm vorhanden war und es ungeheuer schwierig war, einen
Job in der Firma zu bekommen – aber genauso auch Zeiten mit mehr
Fluktuation unter den Fahrern. Aber dem Chef war dies
unbegreiflicherweise recht egal – dabei profitiert doch ein Unternehmer
von erfahrenen und routinierten Fahrern! Neue Leute müssen ja auch erst
einmal die „Stammkunden“ kennen lernen und welche Standardtouren
gefahren werden. Und das kostet anfangs ja auch Zeit. Überdies weiß man
doch von Mitarbeitern, die schon länger dabei sind, was man von ihnen zu
erwarten hat und wie man sich auf sie verlassen kann. Das ist bei neuen
eben nicht der Fall. Soviel unternehmerische Klugheit und Weisheit
fehlte meinem Herrn Chef eben. Er war mehr ein Mann der spontanen und
oft nicht sehr schlauen oder weisen Entschlüsse…
Der Chef war auch einer von der üblen Sorte, die den Wert ihrer
Fahrzeuge über den ihrer Fahrer stellte! Mehr als einmal kam es vor,
dass ein Fahrer verunglückte. Und die erste Frage galt dann nicht nach
dem Wohlbefinden des Fahrers, sondern wie stark der LKW beschädigt war!
Das muss man sich mal geben! Da ließ zum Beispiel ein Fahrer, der im
Winter beim Zuplanen seines Fahrzeugs von der Leiter aus mehreren Metern
Höhe gefallen war und sich beide Arme gebrochen hatte, in der Firma
anrufen, dass er einen schweren Arbeitsunfall gehabt hatte. Was war die
Reaktion des Chefs? Motzt den Fahrer an, ob er wirklich nicht mehr in
der Lage sei, den LKW selbst nach Hause zu steuern… Also gewissen- und
skrupelloser geht’s ja wohl nicht mehr, oder?! Das waren eben so die
Situationen, in denen sich der Chef als ganz eiskaltes Früchtchen
präsentierte!
Die letzte Lohnerhöhung, die er seinen Fahrern noch zugestand, fand
Mitte 1991 statt. Danach gab es stets Ausreden, warum keine Lohnerhöhung
mehr stattfand. Das soll er übrigens wenigstens zehn Jahre lang
durchgehalten haben! Sie können sich vielleicht vorstellen, wie die
Preise für das tägliche Leben und die Energie seit 1991 gestiegen sind.
Und da speist dieser Mann seine Leute immer noch mit demselben Geld von
vor zehn Jahren ab… Gelegentlich ließ er uns sogar wissen, dass wir noch
froh sein könnten, dass er immer wieder Nullrunden beim Thema
Lohnerhöhung fuhr – in anderen Speditionen müssten sich die Fahrer schon
Reduzierungen des Lohns gefallen lassen. Das war übrigens bei einigen
besonders dreisten Fuhrunternehmern z.B. im Augsburger Raum seinerzeit
wirklich der Fall!
Und generell gefiel er sich ja in der Rolle des „darbenden und Not
leidenden Unternehmers“! Zu Beginn der 90er Jahre gab er auch die Parole
aus: „Wir müssen auf unsere LKWs jetzt wenigstens eine Million Kilometer
fahren – und nicht mehr nur 500.000km! Das können wir uns nicht mehr
leisten...!“ Natürlich musste er dieses Konzept einige Male dann mit
hohen Reparaturkosten büssen…
Übrigens hatte er noch einige Gesellschafter in seiner Spedition. Von
denen bekam man in aller Regel aber nichts zu sehen oder hören. Nur
einer von ihnen schneite alle paar Monate mal vorbei. Von dem scheint
unser Disponent auch ein spezieller Günstling gewesen zu sein. Bei einer
Gelegenheit ergab es sich, dass er einen der Altgedienten Fahrer traf.
Leutselig fragte der Gesellschafter diesen Mann, wie es ihm denn gehe.
Als Antwort kam dann: „Na, so wie der Firma eben…“. Zu seiner großen
Überraschung erhielt er dazu als Kommentar: „Dann muss es Ihnen ja recht
gut gehen!“ Das war also die Wahrheit – und nicht das vorgeschobene
Gejammer, das wir uns immer anhören mussten! Somit bewahrheitete sich
einmal mehr die alte Weisheit im Gewerbe: „Wer noch jammert, dem kann es
nicht wirklich schlecht gehen!“
Überhaupt einer der ärgerlichsten Punkte war es, dass man trotz vieler
Arbeitsstunden seit Wochenbeginn am Freitag, sollte man das seltene
Glück haben, am frühen Nachmittag am Hof anzukommen, dann immer noch für
irgendwelche vorgeschobenen Arbeiten eingesetzt wurde. Erst ab 18 bis
etwa 19 Uhr konnte man dann endlich die Heimfahrt antreten. Auch so ein
schäbiges Verhalten und so eine Ausnutzerei sind typische Nachteile für
den Arbeitnehmer, wenn er lediglich pauschal bezahlt wird und keine
konkreten, abzuleistenden Arbeitsstunden vereinbart sind! Gerade im
Fuhrgewerbe wird nach meinen eigenen Erfahrungen und Schätzungen zu
wenigstens 90 % immer Pauschallohn bezahlt. An Bezahlung von Überstunden
ist da nicht im Mindesten zu denken! Und eingesetzt wird man dann nach
Gutdünken vom Disponent und Arbeitgeber. Die haben in aller Regel keine
Skrupel das weidlich auszunützen – nicht umsonst sind wöchentliche
Arbeitsstunden im Fuhrgewerbe von teilweise manchmal weit über 70
Stunden die Regel! Bei der Zahlung von einem ordentlichen Stundenlohn
würde hier vieles zum Vorteil der Fahrer ganz anders laufen!
Aber wie sollen hier Änderungen eingeführt werden? Da wäre wirklich der
Gesetzgeber gefragt, dass hier eindeutig entsprechende Vorschriften zum
Vorteil der Arbeitnehmer eingeführt werden! Laut Gesetz liegt ja
offiziell die täglich zulässige Arbeitszeit bei „nur“ höchstens zehn
Stunden! Aber finden Sie mal einen LKW-Fahrer, der im Rahmen dieser
Grenze seine Arbeit leisten kann. Die Realität sieht ganz anders aus!!!
Durchschnittlich 14 Arbeitsstunden täglich im Fernverkehr sind als
Normalfall anzusehen!!! Aber von politischer Seite werden diese
skandalösen Missstände seit Jahrzehnten hartnäckig ignoriert – und das
ist wirklich nicht zu verstehen!!!
Aber zurück zu dieser Spedition und meinem lieben Chef: Da musste ich
durchschnittlich einmal pro Jahr damit rechnen, dass er aus heiterem
Himmel eine Situation herauf beschwörte, um es auf eine Kündigung
meinerseits anzulegen. Ein Beispiel dazu: an einem Freitag wurde ich ab
Mittag auf dem Hof eingespannt. Diesmal, um einige Wechselbrücken
umzusetzen. Was ja nun an und für sich nichts weiter Schlimmes oder etwa
Aufwändiges war. Allerdings ging es an diesem Tag konkret auch darum,
eine bestimmte – und schadhafte – Wechselbrücke auf die Lafette (=
Anhänger) aufzunehmen. Und zwar auf Anordnung des Chefs hin. Bei dieser
Brücke war an einer bestimmten Stelle der Boden durchgebrochen. Nachdem
ich also ein erstes Mal diese Wechselbrücke aufgebrückt hatte, fuhr ich
von ganz hinten auf dem Hof, wo diese abgestellt gewesen war, nach vorne
vor die Werkstatt. Der Werkstattmeister warf einen Blick auf diese
Brücke und meinte, die hätte ich gar nicht nehmen sollen. Vielmehr
müsste ich sie hinten wieder abstellen. Das machte ich also und brückte
sie wieder dort ab, wo ich sie geholt hatte. Anschließend fuhr ich nach
vorne auf den Hof. Dort sah mich wiederum der Chef und fragte, warum ich
die Brücke nicht nach seiner Anweisung auf den Anhänger aufgebrückt
hatte. Ich erklärte ihm, dass ich das vorher schon gemacht und danach
vom Werkstattmeister Order erhalten hatte, sie wieder abzustellen. Er
meinte dazu nur lapidar, dass ich seinen Anweisungen zu folgen habe.
Also durfte ich ein zweites Mal dieselbe Brücke aufnehmen. Und – man
sollte es kaum glauben! – lief danach noch einmal fast dasselbe
Spielchen ab. Es kam auf meine Kosten und Arbeit auch noch zu einem
dritten Auf- und Abbrücken! Der Chef und sein Werkstattmeister konnten
sich unbegreiflicherweise einfach nicht einigen! Und ich musste dieses
eher kindische Spiel ausbaden. Allerdings hatte ich begreiflicherweise
nach dem dritten Mal die Nase voll und fuhr wesentlich schneller, als
das sonst üblich war, über den unbefestigten hinteren Teil des
Betriebshofs nach vorne. Auf dem dann asphaltierten Bereich vor der
Werkstatt und dem Betriebsgebäude benützte ich dann zum Anhalten nicht
etwa die Betriebs-, sondern die Feststellbremse. Mit dem Ergebnis, dass
der ganze Hängerzug mit quietschenden Reifen einen Meter vor dem Chef
rutschend zum Stehen kam. Wütend stieg ich aus, schlug mit aller Kraft
die Tür zu und tobte den Chef an, dass ich mich nicht von ihm verarschen
lassen würde! Nach diesen befreienden Worten packte ich meine Sachen und
setzte mich in meinen Chevy, um nach Hause zu fahren. An der Ausfahrt
des Betriebsgeländes passte mich der Chef noch ab – auch jetzt hielt ich
so, dass die Bremsen quietschten. Mit einem seltsamen Grinsen gab mein
Herr Arbeitgeber dann einen Kommentar ab, der sehr durchsichtig, aber
eben durch die Blume, darauf ausgerichtet war, dass ich von mir aus
kündigen sollte. Ich ließ ihn nur kurz und kühl wissen, dass er schon
mir kündigen müsse, wenn er mich loswerden wollte. Und das tat er
natürlich nicht…
Nach rund fünf Jahren Betriebszugehörigkeit kam es dann aber doch zu
einer Situation, die mit einigen Monaten Verspätung zu meiner Kündigung
führen sollte.
Zu Beginn des Frühjahrs 1996 stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass
sich meine Sehleistung auf beiden Augen dramatisch verschlechterte.
Insbesondere nachts und vor allem bei schlechten Sichtverhältnissen tat
ich mir immer schwerer. Also entschloss ich mich, einen Augenarzt
aufzusuchen. Der staunte nicht schlecht, als er feststellte, dass jemand
mit nur 36 Jahren bereits beginnenden Grauen Star auf beiden Augen
hatte. Zum Glück konnte ich ihn ja überzeugen, dass ich trotz miserabler
Sehwerte relativ sicher im Straßenverkehr unterwegs war. Aber er
schärfte mir ein, möglichst bald die eigentlich nicht sehr aufwändigen
Operationen durchführen zu lassen. Und das hatte ich selbstverständlich
auch vor.
Also suchte ich meinen Arbeitgeber auf und teilte ihm in aller gebotenen
Deutlichkeit den wichtigen Sachverhalt mit. Was meinen Sie wohl, was ich
als Antwort erhielt? Meine bedenklichen Sehwerte interessierten ihn
nicht die Bohne und er meinte, dass ich mich mit den Operationen noch
ein halbes Jahr gedulden sollte – er bräuchte mich noch dringend bis zum
Winter! Als ich ihm Vorhaltungen darüber machte, dass ich so unter
keinen Umständen noch länger unterwegs sein könnte und ein erhöhtes
Gefährdungspotential für einen Unfall bestand, interessierte das diesen
wirklich skrupellosen Menschen überhaupt nicht!
Schon damit rechnend, dass er mir das wohl übel nehmen würde,
vereinbarte ich durch meinen Augenarzt weitere eingehende Untersuchungen
in der Augenklinik im Augsburger Zentralklinikum. Und es konnte schon
bald ein erster Operationstermin angesetzt werden. Sie können sich
wahrscheinlich vorstellen, dass mein verehrter Chef tobte! Aber davon
ließ ich mich nicht beeindrucken und ließ also schon bald die erste
Operation machen.
Bei einer Star-Operation ist nur ein ambulanter Aufenthalt in der Klinik
notwendig. Man meldet sich früh und landet dann recht bald auf dem
Operationstisch. Als junger Mensch erhält man eine Vollnarkose und alles
dauert wahrscheinlich weniger als eine halbe Stunde. Dann hat man jede
Menge Zeit, um bis zum Spätnachmittag die Auswirkungen der Narkose durch
ausgiebigen Schlaf zu egalisieren und darf dann als „Einäugiger“ (mit
Augenklappe über dem operierten Auge) in Begleitung wieder nach Hause.
Der Augenverband verbleibt etwa zwei bis drei Tage und dann hat man das
phänomenale Erlebnis, wieder ganz klar und fast ganz scharf sehen zu
können! Nach dieser ersten Operation war ich erstmal für rund zwei
Monate krank geschrieben – nämlich bis zu der dann folgenden zweiten
Operation. Vor allem in den ersten Wochen danach war allenfalls Rad
fahren drin in Sachen Straßenverkehr. Nach der zweiten Operation, die
genauso erfolgreich verlief, war ich nochmals einen weiteren Monat krank
geschrieben. Also insgesamt drei Monate. Vor erneutem Arbeitsantritt
erhielt ich nach letzter Kontrolle durch den Augenarzt eine neue und
wesentlich schwächere Brille. Aber wenigstens war mit den beiden
Operationen der Großteil meiner bereits vorher auch schon vorhandenen
Fehlsichtigkeit behoben worden.
Mit Beginn vom Herbst trat ich also wieder meine Arbeit an und es sollte
tatsächlich nur wenig mehr als zwei Monate dauern, bis mir eine
Kündigung meines Arbeitsverhältnisses ins Haus flatterte. Begründung: er
müsse mich und auch noch drei andere Arbeitskollegen über den Winter
plötzlich zum Stempeln schicken. Das war ja was ganz Neues! Und wir alle
hatten übrigens eine Betriebsgehörigkeit von jeder über fünf Jahren –
während es etliche Kollegen gab, die erst wesentlich kürzer in der
Spedition dabei waren!
Nur einen der drei anderen und eben mich beeindruckte das überhaupt
nicht und wir beschlossen, vor das Arbeitsgericht zu ziehen. Da mir
erstaunlicherweise mit einer Frist von zwei Monaten gekündigt worden
war, hatte ich genügend Zeit, den Fall meinem Anwalt zu übergeben.
Lustig war es nun, dass ich als einziger der vier gekündigten Kollegen
den Nerv hatte, noch zur Weihnachtsfeier zu gehen. Und der Chef setzte
sich tatsächlich auch einmal an meinen Tisch – um mich aus zu horchen,
ob ich tatsächlich vor das Arbeitsgericht gehen würde. Aber so wie er
redete ich auch nur um den heißen Brei herum.
Wenig später muss er wohl Post von meinem Anwalt oder dem Arbeitsgericht
bekommen haben. Jedenfalls wurde eine kurzfristige Erkrankung von mir
noch im Dezember dahingehend ausgenützt, um eine erste Abmahnung zu
konstruieren. Angeblich hätte ich meine Krankmeldung nicht rechtzeitig
abgeschickt. Und richtig reif war ich dann Mitte Januar 1997: da wurde
ich, nachdem ich noch bei einer Firma Papier geladen hatte, auf den Hof
zitiert, wo ich dann die fristlose Kündigung erhielt. Begründung: ich
hätte mir noch eine zweite Abmahnung wegen angeblich verspäteter Abfahrt
bei einer Tour zwei Wochen zuvor eingehandelt und daher sei ich jetzt
fristlos zu kündigen!
Ich lachte das Fuhrunternehmerpaar nur an und gab zu bedenken, dass dies
eine teure Kündigung werden würde! Die arrogante Chefin gab mir zu
verstehen, dass ich mit keinem Pfennig rechnen könnte…
Aber wenn ein Unternehmer zu dumm ist, gewisse Maßnahmen im Vorfeld noch
mit seinem Anwalt abzustimmen, dann kann es selbst ein Fachanwalt für
Arbeitsrecht im Nachhinein nicht mehr herausreißen und richten! Die
Strafe für den gewissenlosen Fuhrunternehmer sollte also sogar recht
bald auf dem Fuß folgen – bereits drei Wochen nach der fristlosen
Kündigung gab es eine Hauptverhandlung in der Sache vor dem
Arbeitsgericht.
Als hätte ich schon verloren, schüttelte mir mein Ex-Chef die Hand vor
der Verhandlung. Aber während dieser kam doch die Wahrheit ans
Tageslicht, warum er mich tatsächlich (ungerechtfertigt) gekündigt hatte
– nämlich wegen der Augenoperationen und meiner dadurch bedingten
dreimonatigen Krankschreibung! Der liebe Unternehmer redete sich vor
Gericht schön in Rage und offenbarte so dem vorsitzenden Richter die
wahren Umstände. Und das musste er schon teuer büssen, was dann als
Vergleich geschlossen wurde: für fünfeinhalb Jahre Betriebszugehörigkeit
8.500 DM Abfindung, 1.500 DM für noch zehn ausstehende und erworbene
Urlaubstage und natürlich noch der Lohn und Spesen für knapp einen
halben Monat Arbeit: also weitere rund 1.800 DM! Wütend und kommentarlos
schnaufte er aus dem Gerichtssaal.
Wie sich später herausstellte, gab er sich nach dieser Verhandlung auf
seinem Betriebshof als angeblicher Sieger in dem Rechtsstreit aus. Noch
nicht einmal der Disponent erfuhr die Wahrheit von ihm!
Eine weitere Woche später war der andere Kollege, der ebenfalls vor das
Arbeitsgericht gezogen war, genauso erfolgreich. Und das, obwohl doch
die „Frau Chefin“ diesmal mit dem Anwalt den Termin wahrnahm! Diese Frau
hatte einen nicht unerheblichen Einfluss in der Firma und wollte
wahrscheinlich ihrem Mann mal vormachen, wie man einen aufmüpfigen
Fahrer vor Gericht so richtig „glattbügelt“. Hat aber doch nicht
funktioniert, denn Recht muss auch Recht bleiben! Wenn sich auch etliche
Fuhrunternehmer für kleine Götter halten, die scheinbar nicht strikt an
Recht und Gesetz gebunden sind, so werden sie doch zum Glück durch die
Rechtssprechung immer wieder mal – und dann meist kostenreich! – daran
erinnert…
Mit der fast zu erwartenden weiteren Verzögerung danach, hinsichtlich
der Auszahlung der erstrittenen Summe und einigen leider unvermeidlichen
folgenden Schriftwechseln, erhielt ich schließlich und endlich mein
Geld. Jedoch nicht meine Arbeitspapiere! Da wurde mir nämlich glatt
unterstellt, dass ich nur auf eine Zusendung hin an mich den Erhalt dann
verleugnen und einen weiteren Prozess anstrengen würde! Ganz schön
dreist, oder?! Also war ich gezwungen, meine Papiere persönlich
abzuholen. Und das machte ich dann schon bald in einem LKW meines dann
schon holländisch-italienischen Arbeitgebers, der „Spedition 11“. Als
ich vor dem Bürogebäude stehen blieb und ausstieg, öffnete gleich der
Disponent das Fenster. Er wollte wissen, was denn nun bei dem Prozess
genau gelaufen sei – der Chef hätte nämlich überhaupt nichts dazu
gesagt. Ich meinte, dass ich ja dann ohnehin noch zu ihm ins Büro kommen
und darüber erzählen würde. Aber er sagte, dass ich nach dem Abholen der
Papiere wohl keine Gelegenheit mehr dazu hätte. Also gab ich ihm eine
Kurzversion zum Besten und der Disponent lachte sich ins Fäustchen. Von
ihm erfuhr ich auch, dass über die Prozesse strengstes Stillschweigen
und Geheimhaltung von Seiten der Geschäftsleitung praktiziert wurde.
Daher war er über meine Aufklärung echt dankbar. Und mit seiner
Prophezeiung sollte er tatsächlich Recht behalten: nachdem ich bei der
Chefin den Erhalt meiner Papiere schriftlich bestätigt hatte, wurde ich
von ihr persönlich bis zu meinem LKW geleitet. Als „Abschiedsworte“
durfte ich mir anhören: „Damit Sie das nur wissen! Ab sofort haben Sie
hier ein Haus- und Hofverbot!“. Ich grinste sie nur an – bei solch
„harten“ Worten fällt einem ja sonst nichts mehr ein… Sehr
wahrscheinlich hatte sie Sorge, dass ich mal vorbei schauen könnte und
den anderen Fahrern die ganze Wahrheit über den Ablauf vor dem
Arbeitsgericht erzählen könnte!
Ich kann mir jetzt zum Schluss auch nicht die Bemerkung verkneifen, dass
mein lieber Chef im Grunde genommen wirklich mit meiner Kündigung einen
Riesen-Bock geschossen hat! Hätte er noch ein halbes Jahr gewartet, wäre
ich sowieso freiwillig gegangen! Denn nach über 5,5 Jahren war wirklich
für mich zunehmend die Luft raus gewesen bei dieser Firma. Und ich hätte
mich sonst ohnehin im Lauf des Jahres 1997 nach einem neuen Arbeitgeber
umgeschaut…
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